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Nadia Botzenhard & Thomas Escher, Co-Founder von whytes | „Eine der größten Herausforderung für uns ist derzeit das organische Wachstum ohne Investor.“

Nadia Botzenhard & Thomas Escher, Co-Founder von whytes | „Eine der größten Herausforderung für uns ist derzeit das organische Wachstum ohne Investor.“

Als die Corona-Pandemie Anfang des Jahres international Wellen schlug, befand sich auch das Münchner StartUp Whytes vor einer herausfordernden Situation, die erstmal für drei Wochen in einer Art Schockstarre endete. Die Co-Founder Nadia und Thomas wussten wie viele andere Unternehmer nicht, wie sich die Pandemie auf ihr Business auswirken würde. Nachdem aber absehbar war, dass es eine Maskenpflicht geben wird, handelten die beiden schnell und fokussierten sich direkt auf die Herstellung von Mund-Nasen-Bedeckungen, was sich als guter Entscheid erwies, die Strategie ging sehr erfolgreich auf, sie waren mehrfach ausverkauft.

Mit dem vorhandenen Stoff und T-Shirt-Utensilien, woraus sie normalerweise ihre sehr beliebten weißen T-Shirts für ihre Kunden produzierten, wurden kurzerhand Mundbedeckungen ohne zusätzliche Fremdartikel produziert. Die Produktion in Deutschland, die damit verbundenen kurzen Transportwege, die schnellen Reaktionszeiten und ein ausgeklügeltes Online-Konzept, kamen ihnen gerade in dieser Zeit sehr zu Gute.

Im Interview haben wir mit Nadia über die Gründungsgeschichte von whytes und ihre Ambitionen StartUp in dieser schwierigen Zeit unter die Armen greifen zu wollen, gesprochen.

Was hast du vor deiner Selbstständigkeit gemacht?

Ich habe nach meinem BWL Studium als Assistentin der Geschäftsleitung, später Niederlassungsleitung, bei einem mittelständischen Personaldienstleister gearbeitet. Nach fünf Jahren hatte ich genug. Der Job hat mich nicht erfüllt. Ich wollte meine Kreativität ausleben. Ich habe gekündigt und bin ohne Job, Wohnung und Netzwerk nach New York gereist, um meinen Modetraum zu verwirklichen. Schon nach kurzer Zeit hatte ich dort die Chance, für verschiedene internationale Modelabels zu arbeiten, u.a. für den Londoner Ready-To-Wear Designer John Richmond. Berufsbegleitend habe ich Designkurse absolviert, bevor ich nach meiner New York Rückkehr, Anfang 2016, das Männermodelabel „whytes“ gegründet habe. 

Ihr habt aus einem simplen weißen T-Shirt ein erfolgreiches Businesskonzept gezaubert. Wie kann man mit einem simplen weißen T-Shirt die Fashionwelt revolutionieren?

Ich wollte mit unserer Einproduktmarke und unserem “perfekten weißen T-Shirt” einen Teil dazu beitragen, die Modebranche zu verändern, den Modekonsum zu entschleunigen. Wir wollten ein Label gründen, welches die Modewelt langsamer, qualitätsbewusster und nachhaltiger macht. Ganz nach dem Motto: Weniger ist mehr! Durch den Eigenbedarf von meinem Co-Founder Thomas entstand schon in New York die Idee, ein qualitativ hochwertiges, weißes T-Shirt zu entwickeln. Und zwar mit Hilfe von fast 400 internationalen Modeexperten aus der ganzen Welt. Das Besondere dabei: Wir setzen dabei auf den lokal nachwachsenden Rohstoff Buchenholz, welches den Co2 Footprint elementar reduziert, keiner langen Transportwege bedarf und durch die Einsparung von Baumwolle hunderte Liter Trinkwasser pro T-Shirt spart. Jedes einzelne T-Shirt wird in Berlin handgenäht. Mit unserem Ansatz revolutionieren wir nicht nur die Fashionwelt, sondern verfolgen ein übergeordnetes Ziel: Keinem Trend zu unterliegen und damit den Überkonsum zu reduzieren.

Eure Zielgruppe ist auch eher an Männer gerichtet. Wie hat das euer Branding und Euren Auftritt nach Außen beeinflusst? Kaufen Männer anders als Frauen?

Ja, richtig. Whytes ist eine reine Männer Marke. Unsere Zielgruppe ist zwischen 30 und Mitte 50, mit einer hohen Designaffinität und ausgeprägtem Qualitätsbewußtsein. Designaffin deshalb, weil das T-Shirt körperbetont geschnitten ist und damit auch als lässiges Statement beispielsweise unter einem Sakko oder Lederjacke getragen werden kann. Ein großes Qualitätsmerkmal, das unsere Kunden sehr schätzen, ist die Formstabilität unseres Produkts. Durch die innovative Stoffkombination auf Basis von Buchenholz bleibt das T-Shirt länger in Form, geht nicht ein und bleibt vor allem lange weiß. Design und Qualität waren damit auch die beiden Hauptattribute für unser Branding. Wir wollten ein Markenbild zeichnen, welches edle Simplizität und Premiumqualität wiederspiegelt. Gleichzeitig sollte das Markenbild männlich und schnörkellos daherkommen.

Ich glaube unsere Schwarz-Weiß-Sujet in Kombination mit einer unverwechselbar urbanen Bildsprache übersetzt diese Idee prima. Würden wir als Unisex- oder Frauenlabel auftreten, wäre diese eher kühle und reduzierte Art des Markenauftritts vermutlich kontraproduktiv.

Anders als Männer, neigen Frauen eher zum Impulskauf, häufig ausgelöst durch bunte, emotionale Botschaften. Aus unserer Erfahrung können wir sagen, dass Männer im Modesegment grundsätzlich anders kaufen. Männer sind beim Thema Onlinemode sehr loyale Kunden, die sich langfristig an eine Marke binden und bei gleichbleibender Qualität immer und immer wieder kaufen.

Auf welches Marketingtool setzt ihr am meisten? Was hat euch die meisten Erfolge bisher gebracht?

Hier halten wir es mit Bill Gates, der häufiger mit dieser Business-Weisheit zitiert wird: „If I was down to my last Dollar, I would spend it on PR.“ Grundsätzlich funktionieren alle Kanäle für uns gut, bei denen es möglich ist, ausführlich unsere Geschichte zu erzählen. Ein weißes T-Shirt ohne entsprechende Geschichte ist ein zahnloser Tiger. Die Aufmerksamkeit bekommen wir dann, wenn wir erzählen können, dass wir ein T-Shirt aus Holz herstellen, das zum Jahresanfang mit dem Innovationspreis ausgezeichnet wurde. Handgenäht und „Made in Germany“. Ein Produkt, das hunderte Liter Trinkwasser spart. Das überzeugt den interessierten und qualitätsbewussten Leser und macht Neugierig. Diese Art von Kommunikation hilft uns, die richtigen Kunden zu identifizieren. Je hochwertiger die Reichweite eines Mediums, desto geringer sind auch die Retourenquote. Diese liegt bei uns im Schnitt unter fünf Prozent. Zum Vergleich: Für viele Onlinemode-Labels ist eine Retourenquote von 50% nicht selten.

Ihr kooperiert im Vertrieb auch mit extern Retailstores. Wird das langfristig eine bedeutende Strategie in Sachen Expandierung sein?

Wir arbeiten nur mit einer sehr kleinen und handselektierten Auswahl an Händlern zusammen. Meist inhabergeführte Boutiquen, die den Wert unserer Geschichte sehen und diese für sich nutzen wollen. Primär verstehen wir uns allerdings als Online-Label. Unser Motto: Premiumqualität zu einem fairen Preis. Möglich wird dieses Versprechen vor allem deshalb, weil wir uns nahezu ausschließlich digital vermarkten.

Interessant fanden wir auch, dass ihr die Modewelt bewusst langsamer, qualitätsbewusster und nachhaltiger machen wollt. Wie herausfordernd zeigt sich das für euch?

Wir treffen mit dieser Mission den Zeitgeist zu hundert Prozent. Es findet erfreulicher Weise ein Umdenken im Konsumverhalten statt. Viele unserer Kunden schreiben uns an und befürworten genau dieses Konzept. Sie erzählen immer wieder, dass sienach und nach ihren kompletten Kleiderschrank ausmisten und Fast-Fashion-Produkte durch qualitativ hochwertige, zeitlose, langlebige, lokale Produkte wie unsere whytes T-Shirts ersetzen. Der Überkonsum wird auch gesellschaftlich mehr und mehr in Frage gestellt. Eine der größten Herausforderung für uns ist derzeit das organische Wachstum ohne Investor.  

Credit: whytes

Könnt ihr euch vorstellen in Zukunft euer Sortiment noch zu erweitern?

Ja, das können wir uns tatsächlich vorstellen. Wir sind vor 4 Jahren als Einproduktmarke gestartet, weil wir glauben, dass gerade junge Unternehmen dann eine Chance haben, wenn sie ein extrem fokussiertes Lösungsangebot in den Markt tragen. Deshalb haben wir unseren Fokus bisher nicht verändert. Unser mittel- und langfristiges Ziel ist es, „whytes“ als Lifestyle Marke für Premium-Essentials zu etablieren. Denkbar sind hier zum Beispiel weitere, essentielle Farben, ein Long-Sleeve-Produkt, Polo-Shirts und dergleichen.

Wir haben gesehen, dass ihr vor Kurzem anlässlich der Coronakrise auch anderen StartUps und Kleinunternehmern unter die Arme greifen wollt und habt deshalb eine Spendenaktion ins Leben gerufen. Erzähle uns bitte, worum es hier konkret geht.

Der Start der Corona-Pandemie im März hat uns alle getroffen wie ein Blitz. Vor allem der lokale Einzelhandel war durch die Schließung der Läden ohne Handlungsalternative. Da wollten wir als Online-Label helfen. Auch um die Solidarität zu unseren Retail-Kollegen zu zeigen. Mit der Aktion „Onlinehandel hilft Einzelhandel“ haben wir eine Spendenaktion von „Kauf nebenan“ unterstützt, die es ermöglicht, Einzelhändlern unkompliziert Spenden zukommen zu lassen, oder Gutscheine zu kaufen. Das coole an der Aktion: Jeder konnte ganz individuell festlegen, welcher Einzelhändler seine Spende bekommen soll. Ganz egal ob Modeboutique, Friseur oder Restaurant. Wir haben die Idee unter dem Motto #digitalHilft an unsere Kunden kommuniziert. Das Feedback war grandios und die Aktion ein voller Erfolg.

StartUps hat es ja besonders in dieser Krise hart getroffen, viele wussten gar nicht wie sie reagieren sollten. Hat euch diese Krise zum Nachdenken angeregt was ihr in Zukunft in eurer Businessstrategie anders machen wollt um kurzfristig reagieren zu können?

Ja, ich denke eine Krise ist immer auch ein Zeitpunkt zur Reflektion. Die Auswirkungen der Krise und die gesellschaftspolitische Debatte haben uns in unserer Businessstrategie elementar bestärkt.

Uns ist einmal mehr bewusst geworden, welchen Vorteil es bietet, das wir uns auf lokale Produktionsketten verlassen können. Auch während der Krise konnten unsere Produktion in Berlin ohne Einschränkungen produzieren. Außerdem beobachten wir einmal mehr, dass, ausgelöst durch die Pandemie, sich die Prioritäten im Männerkleiderschrank elementar verschieben. Zeitlose, hochwertige und stylische Modebasics sind gefragter denn je. Der bisher eher unprätentiöse Modetrend “weniger ist mehr” wird salonfähig. Das ist nicht nur erfreulich für unser Konzept, sondern vor allem für das grüne Rund auf dem wir alle leben. Vielleicht regt es nun viele andere Marken dazu an, die international produzieren, zumindest ihren Produktionsstandort nach Europa zurück zu verlagern.

www.whytes.co
@whytesco

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