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Julia Haneke, Geschäftsführerin von Stocubo | „Weder der Gründer noch ich hatten diesen Job gelernt oder vorher schon mal gemacht. Also haben wir einfach selbst definiert, was gut genug ist.“

Julia Haneke, Geschäftsführerin von Stocubo | „Weder der Gründer noch ich hatten diesen Job gelernt oder vorher schon mal gemacht. Also haben wir einfach selbst definiert, was gut genug ist.“

Julia Haneke wusste schon vor einigen Jahren, dass sie irgendwann mal ihr „eigenes Ding“ machen wollte, bisher fehlte ihr aber immer die Idee. So zog sie erstmals ihren ursprünglichen Plan durch, studierte Jura und blieb auch erstmals einige Zeit in dieser Branche hängen. Bis sie in einer Erschöpfungsdepression landete und sich in ihrer Genesungszeit Gedanken machte, wie es für sie weitergehen sollte. Zurück wollte sie nicht. Die eigene Businessidee kam ihr aber auch noch nicht. Wie der Zufall es so wollte, lernte sie den Gründer von Stocubo kennen und stieg kurzerhand ins Business ein. Komplett branchenfremd, aber mit großen Ambitionen.

Liebe Julia, du hast Stocubo selbst nicht gegründet, hast aber 2016 das Unternehmen als Geschäftsführerin übernommen. Was hast du vorher gemacht und wie kam es zur Übernahme? 

Ich bin eigentlich Juristin, hatte aber schon nach dem 1. Semester das Gefühl, dass Jura eigentlich doch nicht das richtige für mich ist. Da ich aber mit dem Credo aufgewachsen bin “Was man anfängt, muss man auch zu Ende bringen” habe ich beide Staatsexamen und das Referendariat durchgezogen. Danach wollte ich mich möglichst weit weg von Jura orientieren, bin aber doch wieder in einer Großkanzlei für Public Affairs, also politiknahe Beratung und Lobbying gelandet. Nach drei Jahren bin ich in einer Erschöpfungsdepression gelandet, die mich sechs Monate außer Gefecht gesetzt hat. Das war zugleich der tiefste Punkt und die größte Chance meines Lebens, denn mit meinem Zusammenbruch war sofort klar, dass ich mein Jura-Dasein ein für alle Mal beenden musste.

Ich habe die Zeit meiner Krankheit dann genutzt, um herauszufinden, was ich wirklich machen möchte. In dieser Zeit habe ich den Gründer von stocubo kennengelernt, der auf der Suche nach jemandem war, der ihn, den Tischler und Künstler, operativ unterstützen konnte. Wir waren uns auf Anhieb so sympathisch, dass wir ganz schnell beschlossen haben, dass ich ihn in der Geschäftsführung unterstützen werde. Ziel war es aus der kleinen Tischlerei mit angeschlossenem Online-Shop und 1,5 Bürokräften richtiges Online-Unternehmen aufzubauen. Nach 1,5 Jahren bin ich mit Anteilen in die Firma eingestiegen und ein weiteres Jahr später hat der Gründer entschieden, dass er genug von Cubes hatte und ich habe die Firma mit Unterstützung aus meiner Familie übernommen und bin seitdem alleinige Geschäftsführerin von einem tollen 25-köpfigen Team.

Credit: Jaclyn Locke

Warum hast du dich für den Einstieg als Geschäftsführung entschieden und nicht für eine eigene Gründung? 

Ich wusste spätestens seit meinem Berufseinstieg in der Großkanzlei, dass ich irgendwann einmal mein eigenes Unternehmen führen und für mein “eigenes Ding” arbeiten möchte. Ich war mir immer sicher, dass ich eine Firma führen konnte, da ich aus meinem Studium eine sehr strukturierte und zielorientierte Arbeitsweise mitgenommen habe und immer schon gut darin war, das große Ganze zu sehen und den Überblick zu behalten. Allerdings kam mir nie diese eine Idee in den Sinn, mit der ich mich selbstständig machen konnte. Ich hatte also gehofft, mit jemand anderem zusammen etwas aufbauen zu können. Bei stocubo war ich dann zwar nicht von Anfang an dabei, bin aber zu einem sehr frühen Zeitpunkt eingestiegen. Das war die perfekte Aufgabe für mich: eine vorhandene Idee so mit aufzubauen und zu strukturieren, dass daraus etwas Großes werden kann.

In den Posten der Geschäftsführung passen viele Aufgabenbereiche. Hattest du die Expertise bereits in all dem und wo bist du mit der Zeit reingewachsen?

Neben dem juristischen Background, hatte ich die die erwähnte strukturierte Arbeitsweise, und ein gewisses betriebswirtschaftliches Grundverständnis. Alles andere war learning by doing. Aber dadurch, dass es dem Gründer genauso ging, war das damals kein Problem für mich. Vielmehr hatte das Gefühl, dass bei Stocubo der Raum für neue Ideen, aber eben auch für Fehler war, um sich auszuprobieren. Wir haben immer alles mit dem besten Willen gemacht, aber nicht selten gelernt, dass gut gemeint nicht immer auch gut gemacht ist…

Was ist deiner Meinung nach, der wichtigste Bereich, auf den man zur Weiterentwicklung des Unternehmens schauen sollte? Personal, Marketing, Vertrieb oder Produktentwicklung? 

Ich denke, und da spreche ich aus leidvoller Erfahrung, dass neben einem guten Produkt das allerwichtigste ein gutes Team ist. Denn wenn das Produkt stimmt, kann man damit auch wachsen, ohne ständig etwas Neues entwickeln zu müssen. Aber man kann tatsächlich nur nachhaltig wachsen, wenn man die richtigen Leute an der Seite hat, auf die man sich verlassen kann. Und dafür ist ganz entscheidend, dass sich die Mitarbeiter in ihrem Job wohl fühlen und sich mit dem Unternehmen identifizieren. Meine Arbeit besteht daher heute zu einem großen Teil darin, mich mit den Mitarbeitern auseinanderzusetzen, die Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass alle zufrieden sind und sich vor allem auch gesehen und wertgeschätzt fühlen. Im Prinzip ist es ja ganz einfach: man muss seine Mitarbeiter so führen, wie man selbst gerne geführt werden möchte. Ich hatte da in meiner Vergangenheit zum Glück ausreichend Beispiele, wie es nicht sein sollte. Allerdings ist natürlich auch hier die Theorie oftmals leichter als die Praxis.

Du sprichst als Grund deines Shifts sehr viel von Erschöpfungsdepressionen als Juristin. Nun ist das Leben einer Geschäftsführerin auch nicht zwingend stressfreier… Was tust du heute, damit dir das nicht nochmals passiert? 

Meine Erschöpfungsdepression als Juristin kam vor allem daher, dass ich vergebens versucht habe, das Falsche richtig zu machen und dabei förmlich ausgebrannt bin. Es lag also weniger am hohen Stresslevel. Dieses ist als Geschäftsführerin natürlich deutlich höher, denn die Verantwortung für so viele Angestellte ist vor allem in Zeiten, in denen es mal nicht so gut läuft, immens und lässt sich nach Feierabend natürlich auch nicht so einfach im Büro einschließen. Allerdings tue ich nun für mich das Richtige: Ich kann meine Vorstellung von einem nachhaltigen Unternehmen mit guten Arbeitsbedingungen selbst umsetzen und muss mich nur vor mir selbst rechtfertigen, auch wenn man mit sich selbst ja meist am strengsten ist.

Ich versuche in solchen Stressphasen, die jetzt durch meine Doppelrolle als Geschäftsführerin und Mutter noch einmal eine andere Dimension erhalten haben, ab und zu mal den Stecker zu ziehen und mich ein paar Tage operativ rauszuziehen. Ich habe eine sehr gute Coachin, mit der ich mich ein bis zweimal im Monat treffe. Von ihr habe ich gelernt, in solchen Situationen den riesengroßen Stressberg einfach ganz nüchtern auf das herunterzubrechen, was jetzt das ist, was die Situation akut lindern kann. Alles andere kann warten. Oft reicht schon eine Stunde und alles ist wieder viel klarer und man hat eine schaffbare Aufgabe, auf die man sich mit voller Kraft konzentrieren kann.

Deine ursprüngliche Ausrichtung in Jura ist ja sehr spezifisch und du sagst auch, dass dir klar war, dass du dort vermutlich nicht sesshaft werden wirst; eingestiegen bist du bei Stocubo als Quereinsteigerin. Wie bist du damit umgegangen, dich einem komplett neuen Berufsfeld und einer neuen Nische zu widmen? 

Als Juristin lernt man vom ersten Semester an, dass man eigentlich nie gut genug sein kann. Mein Start bei stocubo war daher ungemein heilsam, denn weder der Gründer noch ich hatten diesen Job jemals gelernt oder vorher schon mal gemacht. Also haben wir einfach selbst definiert, was gut genug ist. Und wie gesagt, wir lagen da auch oftmals nicht richtig, aber ich habe gemerkt, dass es nicht schlimm ist, wenn man kein Experte ist und nicht immer alles sofort richtig macht. Denn aus Fehlern lernt man bekanntlich am meisten. Vielleicht war das meine Stärke in diesem Quereinstieg: Wenn ich einen Fehler mache, halte ich mich nicht groß damit auf, mich darüber zu ärgern. Ungeschehen lässt er sich so oder so nicht machen. Ich konzentriere mich direkt darauf, was ich oder wir beim nächsten Mal anders machen müssen. Das lebe ich auch so mit meinem Team. 

Und letztlich merkt man einfach auch sehr schnell, dass ein Unternehmen selten so funktioniert, wie man das in irgendwelchen Vorlesungen vielleicht lernen mag. Man braucht oft einfach nur einen starken Willen und ein gutes Bauchgefühl. Ein bisschen wirtschaftliches Denkvermögen schadet aber natürlich auch nicht.

Credit: Jaclyn Locke

Gegeben deines Werdegangs, tendierst du heute mehr dazu Bewerbern eine Chance zu geben, die vielleicht nicht die Expertise und Erfahrung mitbringen, die in eurer Industrie oft vorausgesetzt werden? 

Auf jeden Fall. Ich weiß einfach, dass man nicht für alles ein Zertifikat braucht, sondern vor allem die richtige Arbeitsweise für den konkreten Job und die richtige Motivation. Natürlich ist Expertise und Erfahrung in vielen Bereichen unerlässlich, z.B. an unserer CNC-Fräse oder in der Buchhaltung. Ich finde aber oft Lebensläufe viel spannender, die auch schon mal die ein oder andere Schleife gedreht haben.

Wer ein Unternehmen führt hat immer etwas zu tun, die Arbeit geht nie aus. Wie strikt bist du in Sachen Work-Life-Balance? Wann geht beispielsweise dein Handy morgens das erste Mal an und wann ist bei dir Feierabend? Gibt es hier eine klare Routine, vielleicht sogar non-negotiables? 

Für mich ist der Feierabend heilig und auch jetzt zu Corona-Homeoffice-Zeiten unabdingbar. Und ich schaue grundsätzlich erst nach dem Frühstück das erste Mal aufs Handy.

Das war für mich spätestens seit meiner Burn-out-Erfahrung sehr wichtig, ich habe aber den Eindruck, dass diese klare Trennung zwischen Arbeit und Privatleben nun mit Kind noch viel wichtiger ist. Ich muss allerdings gestehen, dass das ein Lernprozess war. Meine Tochter ist gerade eineinhalb geworden und ich habe vier Monate nach der Geburt wieder angefangen zu arbeiten. Kurz danach haben wir ein immer größer werdendes IT-Projekt gestartet, das uns das gesamte letzte Jahr auf Trapp gehalten und alle im Team an ihr Limit gebracht hat. Mein Freund ist unser CTO und hatte damit noch mehr Stress als ich, wir haben uns nur noch zwischen Arbeit und Kind zerrieben. Es gab keine Balance mehr für uns als Familie. Das realisiert man aber natürlich immer erst, wenn es eigentlich schon zu spät ist.

Nun haben wir ganz klare Arbeitszeiten und feste Routinen, wir teilen uns die Betreuung unserer Tochter und haben Dank Corona tatsächlich wieder ein richtiges Familienleben. Wenn ich nachmittags meine Tochter übernehme, ist Feierabend und wenn man ganz ehrlich mit sich selbst ist, ist dann auch eigentlich (fast) nichts so wichtig, als dass es nicht bis zum nächsten Morgen warten kann.

Grundsätzlich liegt es einem als Geschäftsführung ja auch selbst in der Hand zu entscheiden, was bis wann erledigt werden muss und was Priorität hat. Außerdem ist die richtige Work-Life-Balance vor allem eine große Frage der Organisation und Delegation. Mein großes Ziel ist es nämlich, so entbehrlich in meinem Unternehmen wie möglich zu sein.

Was war seither die größte Herausforderung für dich, seitdem du die Geschäftsführung übernommen hast? 

Als ich vor zwei Jahren schwanger war, mussten wir einen Strategiewechseln im Marketing umsetzen und damit leider das Marketing-Team entlassen, im Produktionsteam gab es große Probleme, viele Mitarbeiter waren unzufrieden, die Umsätze sind plötzlich so eingebrochen, dass ich jeden Morgen erstmal den Kontostand checken musste, bevor ich jede Rechnung einzeln freigegeben habe, ich musste meine Elternzeitvertretung vorbereiten und parallel noch mein Privatleben komplett umgestalten. Und dann kam noch die große Hitzewelle…

Credit: Jaclyn Locke

Erzähle uns von einem persönlichen Erfolgsmoment bei stocubo seit deiner Übernahme. 

Ich war danach fast sechs Monate in Elternzeit, habe mich wirklich komplett rausziehen können und nur ganz selten Entscheidungen getroffen. Als ich zurückkam, hatten wir einen umsatzstarken Winter hinter uns und neben all dem Stress, der dann mit unserem IT-Projekt dazu kam, konnten wir ein sehr erfolgreiches Jahr abschließen. Wir konnten mit ausreichend Rücklagen für die kommenden Krisenmonate ins neue Jahr starten und tolle neue Mitarbeiter gewinnen. Und das alles habe ich in Teilzeit geleitet. Als ich unser Geschäftsergebnis dann zum Jahresende gesehen habe, war das wirklich ein großartiges Gefühl.

Schön ist auch, dass wir als Team die aktuelle Krise meistern. Unsere Kunden sind viel im home-office und möchten ihr Zuhause mit einem Regal, Schrank, Schreibtisch, etc. verschönern. Sie verbringen durchschnittlich viel mehr Zeit mit unserem Konfigurator als sonst. Und ich denke auch, dass Konsumenten sehen, dass es ganz besonders jetzt wichtig ist, kleine lokale Unternehmen zu unterstützen. Dass das aktuell ein besonderes Glück ist, ist mir natürlich jeden Tag bewusst.

www.stocubo.de
@stocubo

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