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Charlotte Wachsmuth, Gründerin von Lottas Torten | „Ich habe mir immer gesagt, dass ich das letzte Jahr durch die Gründung eh schon so viel auf soziale Kontakte verzichten musste, dass sich durch das Kontaktverbot gar nicht so viel geändert hat.“

Charlotte Wachsmuth, Gründerin von Lottas Torten | „Ich habe mir immer gesagt, dass ich das letzte Jahr durch die Gründung eh schon so viel auf soziale Kontakte verzichten musste, dass sich durch das Kontaktverbot gar nicht so viel geändert hat.“

Nachdem Charlotte Wachsmuth, die Gründerin von Lottas Torten, 2016 das Torten backen als neues Hobby für sich entdeckt hatte, ging alles relativ schnell. Viele Freunde und Bekannte wollten plötzlich Torten bei ihr bestellen und Instagram wurde zu ihrer Plattform, um ihre Kunstwerke der Öffentlichkeit zu präsentieren. Zunächst hatte sie nur ihre Abende und Nächte neben dem Job geopfert, einige Torten später und eine Tochter reicher, nutze sie jedoch ihre Elternzeit als Chance, um zu schauen, wo die Tortenreise hingeht. Alles lief sehr erfolgreich und vielversprechend … und dann kam Corona und die Unternehmerin musste ganz schnell kreativ werden. Eine Idee von ihren Instagram-Followern brachte sie auf ein rettendes Konzept, dass sie innerhalb von 2 Wochen mit viel Einsatz umsetzte und ihrem Business seither erlaubt die Waage zu halten. Das Ergebnis ist heute ein sehr erfolgreiches Business mit wunderschönen Kunstwerken, die fast schon zu schade sind, um sie zu essen.

Wie kam der Wandel von deinem Tortenhobby zu einem ernstzunehmenden Business?

Ehrlicherweise hätte ich es damals nie für möglich gehalten, in die Selbstständigkeit zu wechseln. Als Lehrertochter war ich vor allem auf Sicherheit im Job gepolt und auch der unternehmerische Geist fehlte mir – zumindest dachte ich das.

Viele Freunde haben damals schon zu mir gesagt, dass ich mich mit den Torten selbstständig machen sollte, was aber so abwegig für mich war. Ich hatte ja einen guten Job, der mir Spaß machte und mein Leben finanzierte. Als ich dann als Cake Designerin für ein großes Projekt von L’Oréal gecastet wurde und ein Pop-Up-Café zur Berlinale ausstatten durfte, gab es aber kein Zurück mehr. Wenige Monate später habe ich in der Handwerkskammer alle nötigen Prüfungen absolviert, wobei ich immer noch nicht sicher war, ob das nun der endgültige Schritt in die Selbstständigkeit sein sollte. Denn nun durfte ich zwar ganz offiziell Torten verkaufen, aber die Frage war immer noch wo. Und dann kam da von heute auf morgen die Möglichkeit ein leerstehendes Eiscafé zu übernehmen, womit die Idee zum Lottas Torten Event Space und Cake Studio geboren war. Ja, seitdem bin ich wohl tatsächlich ein Cake Entrepreneur 😉. So richtig habe ich in der Situation selbst nie groß über die Schritte nachgedacht, auch einen Business Plan gab es nicht und irgendwie kam immer eins zum anderen. Das ist auch gut so, denn einiges hätte ich mich sonst vielleicht nicht getraut.

Was hast du vor deiner Selbstständigkeit gemacht?

Nach meinem Masterabschluss in International Marketing Management, habe ich zunächst einige Jahre als Projekt Managerin einer gemeinnützigen Organisation gearbeitet, wo ich internationale Förderprojekte im Designbereich, wie z.B. Messen und Ausstellungen geleitet habe. Danach hat es mich zu einem bekannten Online Fashion Retailer in Berlin verschlagen, wo ich bis zur Geburt meiner Tochter 2018 als Marketing Managerin in verschiedenen Bereichen tätig war.

Deine Torten sind ja wirklich Kunstwerke! Wie viel Zeit und kreativer Aufwand stecken hinter der Produktion von der Idee, dem Design bis zur Umsetzung?

Oh vielen Dank! Es ist tatsächlich ein sehr langwieriger Prozess, der in der Regel schon vor dem eigentlichen Kundenkontakt beginnt. Um nur wenige Punkte zu nennen: Designs und Trends recherchieren, Equipment und Tools auffrischen, an Style Shoots teilnehmen, Wochenpläne schreiben, Mitarbeiter briefen, Webseite füttern, Schaufenster dekorieren und alles so vorbereiten, dass der Kunde „einfach“ bestellen kann.

Wenn ein Kunde eine individuelle Torte anfragt kann man i.d.R. von folgenden Schritten ausgehen:

  • Telefonat, persönliches Treffen oder E-Mail-Verkehr (für großen Hochzeiten auch mit Tasting)
  • Ausarbeitung von Ideen/ Brainstorming 
  • Evtl. Moodboard kreieren
  • Angebot schreiben
  • Abschlagsrechnung schreiben
  • Evtl. Deko einkaufen (dazu müssen teilweise mehrere unterschiedliche Geschäfte angefahren werden)
  • Evtl. Absprache mit Floristen
  • Bestellung Blumen beim Blumenmarkt
  • Früh zum Blumenmarkt
  • Einkauf Zutaten
  • Teige anrühren und backen
  • Auskühlen
  • Cremes vorbereiten
  • Böden schneiden und füllen
  • Auskühlen
  • Einstreichen
  • Kühlen
  • Stabilisieren und stapeln
  • Blumen säubern und präparieren
  • Dekorieren
  • Evtl. Cake Topper basteln oder anderweitig personalisieren
  • Torte fotografieren
  • Verpackung vorbereiten
  • Liefern oder Abholung koordinieren
  • Aufräumen und sauber machen
  • Endrechnung schreiben
  • Buchhalterisch erfassen
  • Fotos sichten und bearbeiten
  • Posting vorbereiten und Texte schreiben
  • Evtl. Abstimmung für Rückgabe von Kühlboxen etc.

Jeder der Schritte kostet unterschiedlich viel Zeit und es ist schwer zu pauschalisieren, generell kann man aber davon ausgehen, dass wir ungefähr drei Tage mit einer Torte beschäftigt sind, wobei wir natürlich vieles gleichzeitig erledigen können. Ich habe bestimmt die Hälfte vergessen, aber es verdeutlicht hoffentlich trotzdem, was neben dem eigentlichen Backen an Zeit in einer Torte steckt.

Es liegt mir außerdem unheimlich am Herzen ein stärkeres Bewusstsein für das Handwerk zu schaffen, indem man mal aufzeigt, was alles neben der tatsächlichen Arbeit dahintersteckt und die aus Kundensicht manchmal hoch erscheinenden Preise durchaus gerechtfertigt sind.

Den Kauf einer Torte möchte ich an dieser Stelle mit dem Kauf eines Gemäldes oder eines anderen Kunstobjektes vergleichen. Dafür sind viele von uns gerne bereit, viel Geld auszugeben, nicht nur, weil es schön anzusehen ist, sondern auch, weil es das Wohnzimmer schmückt und uns immer wieder Freude bereitet.

Wenn ich dies nun mit einer Torte vergleiche, so ist mir natürlich klar, dass die Torte vergänglich ist, weil sie aufgegessen wird, aber die Arbeit, die Präzision und die Kunst seitens des Herstellers mag die der gemalten Leinwand ähnlich sein. Klar könnte man jetzt fragen, warum ich dann nicht lieber Leinwände male, damit ich auch was dran verdiene, aber was wäre, wenn es doch genau der Moment des Genießens und die Einmaligkeit ist, die höchstens auf einem Foto eingefangen werden kann und ein Gefühl hinterlässt, dass ich mich nicht sattsehen kann? Was, wenn die Erinnerungen und Bilder mit dem Geschmack der Torte verbunden werden, sowie Gerüche aus der Kindheit manchmal hervorblitzen und ein Wohlgefühl auslösen? Was, wenn ein Gemälde essbar wird und nur du deinem Lieblingskünstler so nahekommst, wie nie zuvor? Was, wenn noch ganz viele mehr teilhaben können an deiner Torte, weil du noch ewig davon sprichst und schöne Fotos zeigen kannst? Wärst du dann bereit den gleichen Preis zu zahlen?

Credit: Marcus Brodt

Sind deine Torten Einzelstücke?

Ja, jede Torte ist in sich ein Unikat. Natürlich habe ich auch ein „Standard“-Sortiment aufgebaut, um auch dem Kunden die Entscheidung zu erleichtern, aber selbst bei z.B. einem „Safari Cake“, der Online auf der Webseite bestellt werden kann, variiert das Aussehen am Ende, weil beispielsweise die Blumendeko je nach Saison und Position variiert. Grundsätzlich versuche ich auch von Kopien abzusehen und lasse mich zwar gerne inspirieren, die Umsetzung erfolgt dann aber im Lottas Torten Stil. Dementsprechend ist es für mich auch das größte Kompliment zu hören, dass man meine Handschrift erkennt.

Du nutzt ja auch Instagram intensiv für deine Promo und gibst tiefe Einblicke in das Behind The Scenes Geschehen. Wieviel Zeit und Aufwand widmest du deiner Social Media Präsenz?

Das ist witzig, die Frage bekomme ich immer wieder gestellt bzw. freue ich mich, dass man das Gefühl hat mit dabei zu sein. In Wahrheit glaube ich, dass ich das „Mitnehmen“ noch viel stärker machen sollte, mir dafür aber einfach die Zeit fehlt. Wenn ich im Studio bin, dann geht es mir darum so viel wie möglich am Produkt selbst zu schaffen und das Handy habe ich dabei meist nur für ein Tortenfoto am Ende in der Hand. Die Postings mache ich i.d.R. morgens in der Früh im Bett, wenn alle noch schlafen. Dafür brauche ich schätzungsweise 20 Minuten pro Post. Mal länger, mal kürzer. Einen Social Media Plan habe ich dabei nie und auch in Bezug auf Kooperationen und Projekte möchte ich mir in Zukunft mehr Zeit nehmen, um Potentiale noch stärker auszuschöpfen.

Woher bekommst du heutzutage deine meisten Aufträge? Social Media? Empfehlung?

Ja, Instagram und Mund-zu-Mund Propaganda funktioniert tatsächlich am besten. Mittlerweile habe ich mir auch einen guten Kundenstamm aufgebaut, der immer wieder kommt.

Im Januar 2020 hast du in Berlin deinen ersten eigenen Event-Space aufgemacht. Dann kam Corona … Konntest du dich in irgendeiner Weise auf solch schwierige Zeiten als Unternehmerin vorbereiten und wie hat sich Corona auf dein Business ausgewirkt?

Jeder Coach würde wahrscheinlich sagen, dass man auf Krisensituationen vorbereitet sein muss, Rücklagen bilden sollte und auch so viele unterschiedliche Geschäftsbereiche abdecken sollte, dass es nicht wehtut, wenn einer wegbricht. Das mit den Bereichen habe ich ja irgendwie mit meinen Workshops, dem Rental Space und der Konditorei. Blöd nur, dass keiner mehr aus dem Haus durfte und auch ein Luxusprodukt wie Torte eher nebensächlich wird, wenn man nicht mehr feiern kann.

Der Lock-Down kam schon einen Monat nach der Eröffnung des Event Space, womit nicht nur viele Tortenaufträge weggebrochen sind, sondern auch viele Veranstaltungen abgesagt wurden und der Veranstaltungsraum gar nicht erst ins Rollen komme konnte. Vorbereitet war ich darauf keineswegs, aber, wenn ich eins kann, dann ist es Feuer löschen und genau das habe ich dann auch getan. Mir war schnell klar, dass es jetzt darum geht für den Kunden in der Situation ein Problem zu lösen bzw. eine gute Antwort auf das Problem zu finden und somit vielleicht auch den Appetit der Kunden anders zu befriedigen.

Wir haben gesehen, du hast die Gunst der Stunde zum Anlass genommen, dein Business mit den Cakeboxen auszubauen. Erzähle uns bitte, wie es dazu kam und kannst du mit diesem neuen Konzept deine Verluste aufholen?

Ehrlich gesagt waren die Sweet Treat Boxen unsere Rettung! Tatsächlich kam die Inspiration für die „Care Boxen“ von zwei meiner Instagram Followerinnen. Etwas abgeändert und neu gedacht hatte ich dann eine Lösung auf ein Problem gefunden: Durch das Versenden von personalisierten, süßen Grüßen trotz des Kontaktverbots mit seinen Liebsten in Verbindung zu bleiben und das, ohne das Haus verlassen zu müssen.

Die Idee erzählte ich dann meiner lieben Friederike Bauer von wearemondaymorning, die das Potential gleich erkannt hat und mir ihre Hilfe anbot und mich nicht nur PR-seitig, sondern auch mit viel Hands-on Power unterstützte. Nach einer intensiven Brainstorming Session mit mir selbst, habe ich die Box im Kopf fertig gehabt und es ging direkt an die Umsetzung. Es ist schwer zu sagen, aber ich schätze vom Entschluss bis zum tatsächlichen Launch waren es zwei Wochen. Neues Equipment, neue Designs und auch ganz neue Prozesse sind damit ins Leben gerufen worden, die beim ersten Mal schon funktionieren mussten.

Klingt einfach, das war es aber überhaupt nicht. Zwei Wochen Non-Stop arbeiten, verzweifeln und hoffen, dass es funktioniert. Ich bin unheimlich dankbar, dass vor allem Friederike, aber auch meine Mitarbeiterin Aileen, die mich in der Küche unterstützt, in der Zeit so viel Nachsicht mit mir hatten, denn manchmal wusste ich nicht mal mehr, was ich vor 10 Sekunden gesagt habe. Zu dritt haben wir hier alles gemeistert, viel gelacht und manchmal auch die Fassung verloren – aber eigentlich mehr gelacht.

Credit: Gina Walkowiak
Credit: Gina Walkowiak

Solche Konzepte werden ja sonst in sorgfältiger Planung über viele Monate vorbereitet. Wie war es für dich, ein gesamtes Businesskonzept innerhalb kurzer Zeit mit Leistungsdruck umzusetzen?

So schlimm das klingen mag, aber ich würde fast sagen, ich funktioniere am besten unter Leistungsdruck. Das war schon immer so und je mehr Zeit ich habe für ein To-Do, desto länger brauche ich auch. Natürlich war das eine Extremsituation, vor allem auch mit einem Kind zu Hause während des Lock Downs. Ich konnte ja nicht von zu Hause aus arbeiten und auch mein Mann musste anfangs noch ins Büro. Zum Glück konnten wir uns gut arrangieren und haben uns den Tag aufgeteilt, sodass auch Nachtschichten zum Programm gehörten.

Ich habe mir immer gesagt, dass ich das letzte Jahr durch die Gründung eh schon so viel auf soziale Kontakte verzichten musste, dass sich durch das Kontaktverbot gar nicht so viel geändert hat und immerhin konnten wir nicht sagen, dass uns die Decke auf den Kopf fällt. Letztendlich war es nicht der Leistungsdruck, der mich so beschäftigt hat, sondern die Tatsache, dass ich nicht für meine Familie da sein konnte, wie ich es wollte. Für mich war eigentlich nach der Eröffnung eine Zeit angebrochen, in der sich langsam ein normaler Alltag hätte einschleichen müssen und stattdessen ging es wieder mit 180 km/h weiter.  Für mich war das sehr schwer in dem Arbeitsrausch gleichzeitig auch allen anderen Bedürfnissen gerecht zu werden.

Und ja, viele Prozesse waren komplett neu, denn sowohl die Produktion der Sweets, als auch die Logistik waren neue Herausforderungen, die noch verschärfter waren durch die Pandemie. Wir sind da manchmal schon an unsere Grenzen gestoßen, was uns aber auch nochmal mehr Verständnis für viele Dienstleister gegeben hat, die man vorher vielleicht nicht gesehen hat.

Wie gehst du derzeit mit den unternehmerischen Herausforderungen um?

Im Moment nehme ich einen Tag nach dem anderen und versuche mich dem Kerngeschäft, der Torten zu widmen. Ich bin auf den Event Space auf Langzeit natürlich angewiesen und freue mich sehr, wenn der Veranstaltungsraum wieder häufiger gebucht wird und ich selber auch wieder Workshops geben kann, aber so lange dies noch mit angezogener Handbremse läuft, mache ich das, was ich am besten kann und an neuen Ideen mangelt es bei mir nie. Es ist nur die Zeit, die sich immer rar macht.

Was hast du in den letzten Monaten über Entrepreneurship und dich als Businessowner gelernt?

Ich glaube das größte Learning für mich ist, dass ich auf meine innere Stimme vertrauen kann, mir in den passenden Momenten Unterstützung hole, dass Fehler menschlich sind und mir ein wenig mehr Gelassenheit auch gutstünde. Als Allsasser und größter Kritiker meiner selbst, habe ich viele Baustellen, an denen ich arbeiten möchte und gleichzeitig merke ich, dass ich mehr Fokus brauche, um die Dinge zu Ende zu bringen. Eine solche Ausnahmesituation hat mich gezwungen, den Fokus auf eine Sache zu legen und mir gezeigt, dass es funktionieren kann. Es gibt mir Hoffnung, dass ich es in Zukunft auch ohne höhere Gewalt und mit einem geregelten Tagesablauf schaffe, das Business am Laufen zu halten.

Für mich selbst hat diese Zeit vor allem auch aufgezeigt, dass ich nicht immer gleichzeitig allen Rollen als Mutter, Ehefrau, Tochter, Freundin und Geschäftsfrau gerecht werden kann, es aber vielleicht auch einfach ok ist.

www.lottastorten.de
@lottastorten

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