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Diana Heinrichs, Gründerin von Lindera | Sturzprävention für Senioren Dank einer App
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Diana Heinrichs, Gründerin von Lindera | Sturzprävention für Senioren Dank einer App

Stürze sind im Alter bis heute ein Tabu-Thema: Niemand gibt gern zu, dass er nicht mehr sicher auf den Beinen ist. Gleichzeitig stellen Stürze ein großes gesundheitliches Risiko dar. Diana Heinrichs hat sich mit ihrem Unternehmen Lindera der Sturzprävention für ältere und in ihrer Mobilität eingeschränkte Personen gewidmet und eine App entwickelt, die das individuelle Risiko präzise ermittelt und den Senioren, ihren Familien und Pflegefachkräften gleichzeitig Maßnahmen an die Hand geben, um es zu minimieren.

Vor der Gründung von Lindera war Diana Heinrichs sechs Jahre lang als PR Professional und Business Development Manager bei Microsoft Deutschland tätig. Diana reizte schon immer, wie moderne Technologie sinnvoll eingesetzt werden kann, um die Zusammenarbeit zwischen Generationen und über Entfernungen hinweg zu gestalten. Bei Microsoft ging es dabei vor allem um den Einfluss digitaler Lösungen auf die Arbeitswelt und Interoperabilität zwischen verschiedenen Systemen. Beide Themen beschäftigen Diana auch heute bei Lindera: Wie können ältere Menschen länger selbstbestimmt zu Hause leben? Und wie können sich KI-Anwendungen in bestehende IT-Systeme im Gesundheitsumfeld nahtlos integrieren?

Foto: Lindera

Liebe Diana, warum der Wechsel in eine Selbstständigkeit?

Kürzlich saß ich im Berliner Konrad-Adenauer-Haus und fragte in eine digitale Runde hinein, wer noch ein Zeitungsabo besäße. Eine Hand ging hoch. Bei der Frage, wer ein digitales Abo bei Netflix, Microsoft, Apple & Co. hat, zeigten fast alle auf.

Wir sind es gewohnt, dass in vielen Branchen, wie z. B. den Medien, die Geschäftsmodelle auf den Kopf gestellt wurden. Wie viele digitale Unternehmen sind im DAX verzeichnet, wie viele in New York und Peking gelistet?

Für mich persönlich haben wir mit Europa den kulturell reichsten Kontinent mit den schönsten Städten und ausgezeichneten Hochschulabsolventinnen und -absolventen. Es muss doch möglich sein, dass wir die Herausforderungen unserer Zeit – etwa die Versorgung und Lebensqualität unserer alternden Gesellschaft – mit smarten Geschäftsideen „Made in Europe“ zu lösen. Warum können wir nicht Arbeitsplätze jenseits von Logistikzentren schaffen?

Ich bin kein Typ, der um diese Fragen theoretisch kreist. Meine Familiengeschichte hat mir vor Augen geführt, dass es noch nicht sehr viele hilfreiche digitale Lösungen für ältere Menschen gibt. Und das, obwohl sie gerade in der Gesundheitsversorgung und Pflege enormes Potenzial bieten – für die Seniorinnen und Senioren genauso wie für die Pflegekräfte. Wir sind mit Lindera angetreten, um das zu ändern.

Welche Motivation steckt hinter diesem Konzept?

Ich habe in meiner Familie selbst erlebt, mit welchen Einschränkungen das Altern einhergeht und welche zentrale Rolle Angehörige und Pflegefachkräfte für ältere Menschen spielen. Meine Mutter verbrachte zehn Jahre lang jede Mittagspause bei meiner Oma. Sie schaute nach dem Rechten, erkundigte sich nach ihrem Wohlbefinden und fragte, wie es mit Pfleger Michael am Morgen lief. Nur durch den familiären Zusammenhalt und Michael konnte sie bis zum Schluss in ihren eigenen vier Wänden leben – ein großes Glück für sie. Doch selbst trotz dieses Netzwerkes stürzte sie immer häufiger – weil ihr Kreislauf nicht in Schwung war, ihr die Kraft fehlte oder die Teppichkante im Weg war. Stürze sind bis heute ein Tabu-Thema: Niemand gibt gern zu, dass er nicht mehr sicher auf den Beinen ist. Gleichzeitig stellen Stürze ein großes gesundheitliches Risiko dar. Darum ist Sturzprävention für ältere und in ihrer Mobilität eingeschränkte Personen super wichtig – mit unserer Lösung können wir das individuelle Risiko präzise ermitteln und den Senioren, ihren Familien und Pflegefachkräften gleichzeitig Maßnahmen an die Hand geben, um es zu minimieren.

Foto: Lindera

Eine deiner Grundfragen war „Wie können ältere Menschen länger und selbstbestimmt zu Hause leben?“. Was hat dich auf die Idee gebracht, dass eine App die perfekte Lösung dafür wäre?

Da kamen zwei Überlegungen zusammen: Zum einen sind Smartphones von einfachen Mobiltelefonen zu mächtigen Computern in unserer Hosentasche geworden, die eine Menge Rechenleistung mitbringen – sie beinhalten verschiedene Sensoren wie Pulsmesser, präzises Geo Tracking und teilweise drei Kameras, die auch Videos in 4k-Auflösung aufnehmen können. Fast jeder besitzt heute ein Smartphone und ist mehr oder weniger sicher im Umgang damit. Eine App hat also den Vorteil, dass dafür kein teures oder komplexes Zubehör benötigt wird. Und auch der Umgang mit mobilen Anwendungen ist ohne mehrtägige Schulungen unkompliziert möglich, da das Prinzip für viele bereits gelernt ist.

Zum anderen hatte ich bei der Idee für Lindera meine Oma im Hinterkopf, der es möglich war bis zu ihrem Lebensende zu Hause zu wohnen. Das heißt, wir wollten eine medizinische Lösung entwickeln, die einerseits dazu beiträgt, die Lebensqualität auch in hohem Alter zu erhalten oder gar zu verbessern und die gleichzeitig mobil ist – also in der ambulanten Pflege im heimischen Wohnzimmer genauso wie in der stationären funktioniert.

Wie genau funktioniert eure Technologie?

Dazu ist es zunächst wichtig zu verstehen, wie Mobilitätsanalysen bis dato funktionierten: Die Analyse des Gangbildes einer älteren Person ist Teil des geriatrischen Assessments. Dieses wird beispielsweise durchgeführt, wenn ein Senior in ein Pflegeheim zieht. Bislang beruhte diese Analyse auf einer rein subjektiven Einschätzung der Pflegefachkraft, die ihre Beobachtungen handschriftlich festhielt und sie später in das Dokumentationssystem der Einrichtung eingab.

Wir haben auf Basis von künstlicher Intelligenz (KI) eine 3D-Motion-Tracking-Technologie entwickelt, die das dreidimensionale Bild vom Gang einer Person mit einer gewöhnlichen 2D-Kamera – wie beispielsweise der im Smartphone – analysiert. Wir nutzen also KI, um das Auge des Arztes und der Pflegefachkraft digital zu übersetzen und damit die Mobilitätsanalyse zu digitalisieren und zu vereinfachen. Der Lindera Mobilitätstest, der ein Medizinprodukt ist, funktioniert in drei einfachen Schritten: ca. 30 Sekunden Video vom gehenden Menschen aufnehmen, einen psychosozialen Test in der App ausfüllen, Analyse inklusive individueller Maßnahmen zur Sturzprävention erhalten – fertig.

Foto: Lindera

Wie lange hat die Entwicklung gedauert bis sie für den Markt als testbereit empfunden wurde?

Wir haben Lindera 2017 gegründet und damit absolutes Neuland betreten – KI in der Pflege war bis dato ein Novum, zumindest in Deutschland. Wir haben unsere Lösung von Anfang an aus der Praxis heraus entwickelt und in mehreren Pilotprojekten erprobt. Wichtig war und ist uns dabei, sehr eng mit unterschiedlichen Experten aus Praxis wie z. B. den Maltesern und der Wissenschaft zusammenzuarbeiten. Unser interdisziplinäres Team besteht aus Data-Science-Experten, IT-Entwicklern, einer Rehabilitationswissenschaftlerin, einer examinierten Pflegefachkraft und Psychologen. Die Forschungsgruppe Geriatrie der Berliner Charité unterstützt uns bei der wissenschaftlichen Validierung.

2018 kam die Lindera Mobilitätsanalyse dann auf den Markt, mittlerweile wird sie bundesweit in mehr als 100 Einrichtungen eingesetzt. Natürlich ist der Entwicklungsprozess nie abgeschlossen: Wir arbeiten mit den Seniorenheimen, die die Lösung nutzen, genauso wie unseren wissenschaftlichen Partnern weiterhin eng zusammen, um sie weiter zu optimieren, auf neueste wissenschaftliche Erkenntnisse und die Bedürfnisse der Pflegefachkräfte im Alltag anzupassen.

Wie finanziert ihr eure Technologie? Habt ihr Investoren mit an Bord?

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Wir sind mit einem EXIST-Gründerstipendium 2016 gestartet. Die Entwicklung ging rasant, sodass wir bald ein Team von acht Leuten waren. Dieses konnten wir über unsere ersten Kunden finanzieren, bis wir Rheingau Founders GmbH als gründungserfahrener Frühphaseninvestor 2018 gewonnen hatten. Im Februar dieses Jahres haben wir eine Seed-Finanzierungsrunde mit weiteren Investoren abgeschlossen, dazu gehören etwa die DPF AG, die Seniorenwerk gGmbH, die LAT Funkanlagen-Service GmbH sowie Herbert Leifker, ehemals Geschäftsführer von Unitymedia. Diese strategischen Partner bringen entscheidendes Know-how aus ihren jeweiligen Kernbereichen ein: Pflege, Gesundheit, Immobilien und IT.

Ihr wollt nun nicht nur zur Sturzprävention beitragen, sondern auch das Pflegepersonal entlasten. Wie soll das aussehen?

Konventionelle Sturzanalysen sind ein zeitintensiver Prozess von bis zu 70 Minuten pro Bewohner in der Pflege. Fachkräfte müssen sich mit viel Papierkram herumschlagen – dafür fehlt im Alltag oft die Zeit oder sie geht zulasten der betreuten Seniorinnen und Senioren. Mit unserer Lösung digitalisieren wir diesen Prozess, die Gangbildanalyse selbst nimmt weniger als ein Siebtel der Zeit in Anspruch. Gleichzeitig lässt sich die Lindera Mobilitätsanalyse auch automatisch in die gängige Dokumentationssoftware integrieren, sodass der Papierkram schneller erledigt ist. So sparen Pflegefachkräfte wertvolle Zeit, die sie in die Arbeit mit den Seniorinnen und Senioren investieren können. Das motiviert und entwickelt das Berufsbild weiter.

Foto: Lindera

Ihr beschreibt als einer eurer Rückschläge, dass Krankenkassenvertreter eure Idee als nicht bestandsfähig sehen, da ältere Menschen nicht in den Fokus der Digitalisierung rücken. Wie wollt ihr dem entgegenwirken?

Mit Dialog. Und in dem wir im Pflegealltag den Beweis erbringen, dass unsere Lösung sowohl den älteren Menschen und Pflegefachkräften als auch den Trägern und Kassen hilft. Wir arbeiten bereits erfolgreich mit mehreren Krankenkassen zusammen und befinden uns auf verschiedenen Ebenen im Dialog. Wir kooperieren zum Beispiel mit der AOK Nordost, der Audi BKK, der SBK, der AOK Plus und der BKK Melitta Plus. Außerdem entwickeln wir unser Qualitätsmanagement kontinuierlich weiter. Von der BARMER wurden wir 2018 mit dem Digital Health Award ausgezeichnet, was uns stolz macht.

Außerdem: Die Digitalisierung betrifft nicht nur bestimmte Altersgruppen oder Bereiche unserer Gesellschaft. Wir werden immer älter und die Pflege entwickelt sich zu einer immer größeren gesellschaftlichen Herausforderung. Die Digitalisierung von Prozessen im Gesundheitssystem oder neue Angebote für Therapie und Prävention sind genau der richtige Hebel, um hier anzusetzen.

Ihr arbeitet auch international und seid in Brasilien mit eurer Technologie schon am Markt. Wie herausfordernd sind hier die unterschiedlichen Standards in der Gesundheitsbranche und wie kommt euer Konzept im Ausland an?

Das Gesundheitssystem in Brasilien ist zum Teil anders strukturiert als das deutsche. Deshalb ist ein Vergleich schwierig und mit vielen Fragen verbunden. Jedes Land, jede Gesellschaft, jeder Markt gehorcht anderen Gesetzen. Vor diesem Hintergrund waren wir natürlich mit einigen Herausforderungen konfrontiert. Allerdings sind die Grundvoraussetzungen in beiden Ländern ähnlich: Auch in Brasilien sind Stürze ein wichtiges Thema. Gleiches gilt für die Digitalisierung. Es war aber keineswegs selbstverständlich, dass wir dort erfolgreich sein werden.

www.lindera.de

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