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Karin Clauß | “Zeichnen und Schreiben ist für mich seit 20 Jahren ein Klärungsprozess”
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Karin Clauß | “Zeichnen und Schreiben ist für mich seit 20 Jahren ein Klärungsprozess”

Karin Clauß von karindrawings kommt ursprünglich aus einem kreativen, aber trotzdem sehr branchenfremden Feld. Mit Anfang 20 wollte sie Schreinerin werden und in München in der Schreinerwerkstatt der Staatsoper arbeiten. Sie wollte ganz nah bei den Sängern sein. Sie liebte die Dramaturgie, die endlosen Möglichkeiten in der Umsetzung, die Bühne, den Gesang und die Vielfalt der Schönheit dieses Gesamtkunstwerks.

Ihre Kreativität hat sie heute zum Beruf gemacht, schreibt Texte und zeichnet, um für sich Klarheit zu finden, und sich mit dem auszudrücken, was sie gerade im Leben bewegt. Ihrer Meinung nach, macht sie nicht anderes als ein Sänger auf der Bühne: mit jedem Ton, den er singt, befreit, klärt, erzählt, und verbindet er sich durch seine Berührbarkeit mit seinem Publikum.

Heute lebt Karin mit ihren zwei Kindern in Berlin, zeichnet und schreibt mittlerweile seit 20 Jahren über alles, was ihr an Alltagsthemen über den Weg läuft. Als ihr Ventil nutzt sie ihre humorvollen Zeichnungen, die sie unter anderem in Form von Postkarten und Grußkarten verkauft.

Auch heute ist sie noch der Oper und dem Gesang verfallen. Ihren Beruf sieht sie dabei als eine vielleicht verspieltere und vereinfachte Version der Opernbühne.

Karin, eine Zeit in England hat deinen Weg sehr geprägt. Was ist dort passiert?

Nachdem ich den Plan mit der Schreinerausbildung in München an den Nagel gehängt habe, hatte ich plötzlich Zeit, zu experimentieren. Und wie das Leben so spielte, war ich ohne große Vorplanung in einem kleinen Ort in Südengland gelandet, und habe dort ein Bildhauereistudium absolviert. Aus eine Übergangslösung, in der ich für sechs Monate in England sein wollte, wurden schließlich fast fünf Jahre, in denen ich sehr frei und experimentell gearbeitet habe, und vor allen Dingen gelernt habe, meinem Instinkt zu vertrauen.

Du hast uns erzählt, dass dein damaliger Chef deinen Weg unterstützt und deine Businessidee von den Zeichnungen gepusht hat. Wie kam das?

Nach dem Studium bin ich nach Berlin gezogen, und habe dann, um zu überleben, diverse Jobs gemacht. Ich war eine ultraschlechte Kellnerin, diese Karriere hat sich also schon mal erledigt, hatte aber schon immer einen Faible für Schönheit und Genuss in der Küche. Unter anderem habe ich dann als Küchenhilfe bei Sarah Wiener sehr viele Kartoffeln geschält. Schließlich bin ich bei Andreas Langholz von Colecomp am Kollwitzplatz gelandet und wurde Topfverkäuferin. Ich durfte aber meine Künstlerseele ausleben, indem ich Hunderte von Grußkarten gezeichnet habe, die ich dann an der Kasse im Küchenladen verkaufen durfte. Die Karten verkauften sich erstaunlicherweise gut, und von da ab begann ich, auch andere Läden mit Grußkarten zu beliefern.

Das ist der Teil vom Künstlerleben, den man nicht so mag: „Hey Leute, ich zeichne, wollt ihr nicht mal meine Karten anschauen, und kaufen?“ Das ist ein Prozess, den alle kennen, die mit etwas, was ihnen heilig ist, an die Welt herantreten. Wir haben ja alle angst vor Ablehnung, wir wollen alle gewollt werden, aber irgendetwas in mir hat mich dazu getrieben, in diverse Läden zu laufen, und meine Zeichnungen anzubieten, trotz unfassbarer Angst zu scheitern, oder für total blöd gehalten zu werden. Und aus jeder dieser Begegnungen sind ja unzählige weitere entstanden. Ich finde bis heute, dass das Netzwerk, das uns umgibt, unendlich groß ist, aber man darf und muss sich auch bemerkbar machen, wenn man etwas beitragen will.

Die Zeichnungen, die du kreierst sind für dich auch eine Form der Persönlichkeitsentwicklung. Inwiefern können wir das verstehen?

Das Zeichnen und Schreiben ist für mich seit mittlerweile 20 Jahren ein Klärungsprozess.

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Eigentlich ist es auch eine Form der Meditation. Ich fasse Erlebtes zusammen, ich sehe für mich, was essentiell ist. Hinter den Dingen, die mich beschäftigen und belasten, finde ich durch diesen Prozess immer einen Lösungsweg, ein Tor in die Freiheit, raus aus dem Gedankenchaos. Ich habe das Glück, das sich viele meiner Themen auch mit denen, anderer Menschen überschneiden, und so geht meine Meditation in Form von Postkarten, Kartensets oder Büchern raus in die Welt.

Über die Zeit haben sich auch zwei Hauptcharaktere in deinen Zeichnungen gefunden. Wie kam das zustande?

Ich habe es niemals gezielt darauf abgesehen, dass sich Figuren aus meinem zeichnerische Repertoire in den Vordergrund drängen, aber irgendwann waren die beiden da, the Börd und Dr. Horse. Ich schätze mal, vor etwa zwei Jahren haben die beiden begonnen, sich miteinander zu unterhalten. Dr. Horse und the Börd sind Freunde, sie trinken sehr viel Kaffee und Tee miteinander. The Börd stellt manchmal kluge Lebensfragen, die Dr. Horse freigiebig beantwortet. Auf diese Art und Weise retten sie zwar nicht die Welt, verbreiten aber eine gute und tiefenentspannte Atmosphäre, an der meine Leser und ich selbst hoffentlich auch, noch sehr lange Freude haben werden.

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