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Sandra Schimmele, Gründerin von Hemd´s Up | “Viele wissen noch nichts über die Alternativen zum Wegwerfen.”
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Sandra Schimmele, Gründerin von Hemd´s Up | “Viele wissen noch nichts über die Alternativen zum Wegwerfen.”

Für viele Menschen ist Recycling bereits ein Begriff, wenn es sich um die Trennung unseres Hausmülls handelt. Restmüll, Biomüll, Papier, PET etc. All das, kennen wir schon. Dass Recycling aber nicht nur in unseren täglichen Haushalt gehört, beweist Sandra Schimmele, die Gründerin von Hemd´s Up. Sie hat sich einer Form des Recyclings angenommen, dem Upcycling. Sie näht aus aussortierter Herrenbekleidung, trendige Damen – und Kindermode. Im Interview mit SWEET SPOT erzählt sie, wie sie dazu gekommen ist, was ihr nachhaltiger und sozialer Gedanke hinter ihrem Konzept ist, und wie ein solches Kleidungsstück entsteht.

Foto: www.der-gottwald.de 

Sandra, was hast du vor deiner Selbstständigkeit gemacht?

Ursprünglich habe ich eine Ausbildung zur Visuell Merchandiserin (der alte Begriff ist Dekorateurin) abgeschlossen. Damals wollte ich unbedingt einen kreativen und handwerklichen Beruf erlernen. Danach war ich einige Jahre in der Möbelbranche tätig und sehr schnell in einer Führungsposition. In verschiedenen Projekten arbeitete ich eng mit der Marketingabteilung zusammen. Daran hatte ich großen Spaß. Ein Grund dafür, dass ich mich noch für eine Weiterbildung zur Marketingkauffrau entschied. Über Umwege landete ich dann später in einem Softwareunternehmen für Warenwirtschaftssysteme. Dort war ich fast acht Jahre als Abteilungsleiterin für Marketingkommunikation tätig. Ich führte dort ein kleines Team. Anschließend wurde ich zur Bereichsleiterin Marketing in den Mutterkonzern befördert. Verantwortlich für vier Abteilungen und über zwanzig Mitarbeiter im pharmazeutischen Großhandel.

Wie kam es zu der Idee von Hemd`s Up?

Da muss ich ein wenig ausholen. Nach meiner Beförderung hat sich meine Arbeitsweise sehr verändert. Die Firmenkultur war eine völlig andere. Für mich eine sehr negative Veränderung. Ich konnte nicht mehr so arbeiten, wie ich es für richtig hielt. Daher habe ich nach kurzer Zeit entschieden das zu ändern. Zudem wohnte mein Lebensgefährte, mit seinen beiden Söhnen, damals 14 und 2 Jahre alt, im weit entfernten Berlin.

Also, Job gekündigt und ab nach Berlin. Dadurch hat sich auch mein privates Umfeld völlig verändert. Ich nutzte zunächst die Zeit, um über die neuen Schritte in meinem Berufsleben nachzudenken. Mir war schnell klar, dass ich etwas anderes wollte wie zuvor. Ich wollte etwas Sinnvolles tun, meine Leidenschaften und Wertevorstellungen miteinander verbinden.

Schon als Teenager hat mich Mode, vor allem aber Modedesign und die Schneiderei interessiert. Mein erstes Stück schneiderte ich in einem Workshop unter Anleitung einer Schneiderin. Damals war ich 14 oder 15 Jahre alt. Den Rest erlernte ich autodidaktisch, um mir meine eigenen Kleidungsstücke zu nähen. Das wurde allerdings durch den Beruf immer weniger. Auch Secondhand Mode war für mich schon immer ein Thema. Ich empfand es immer als sehr schade, Kleidung nicht aufzutragen.

Foto: www.der-gottwald.de 

Ich bin ein großer Fan von Vintage – und Luxus Second Hand. Die eigentliche Idee kam aber beim Blättern in einer Modezeitschrift. Es war eine Doppelseite „Hemdenlook für Frauen“ abgebildet, die mich nicht mehr loslies. Diese eine Seite hatte ich über mehrere Tage immer wieder in der Hand. Dann war die Idee geboren, aus alten Herrenhemden neue Blusen zu gestalten. Kurz zuvor sortierte mein Lebensgefährte ein paar Hemden aus. Sie waren nur am Kragen verschlissen. Es waren hochwertige Hemden und deshalb war der restliche Stoff wie neu. Doch tragen konnte man die Hemden nicht mehr. Aus Erfahrung wusste ich, dass Kleiderkammern defekte Kleidung auch für den Textilmüll aussortieren. Daraus werden dann zum Beispiel Putzlappen. Ich dachte: viel zu schade! Das war dann der zweite Anstoß. Kurz darauf schneiderte ich aus den Hemden eine Damenbluse für mich und ein kleines Kinderhemd für den Junior. Danach entstand das Konzept. Die Produktion sollte in Europa, besser noch in Deutschland erfolgen. Eine Entscheidung die von Anfang an klar war. Außerdem wollte ich auf jeden Fall Menschen mit Handikap einbinden.

Wie viel Aufwand steckt hinter so einem Unikat?

Vorab kann ich sagen, dass es insgesamt sehr aufwendig ist. Alleine die Materialbeschaffung ist eine sehr zeitintensive Arbeit. Viele wissen noch nichts über die Alternativen zum Wegwerfen. Aufklärung spielt hier eine große Rolle.

Im Moment beziehen wir unser „Material“ von kleineren Händlern, Kooperationen, Kleiderkammern oder direkt aus Privathaushalten. Wir kaufen auch Stoffe aus Überhängen, damit meine ich Materialien die als Überschuss im Lager liegen. Die großen Mengen, die den Prozess natürlich vereinfachen würden, schlummern im Handel und in der Industrie. Dort werden defekte Artikel oder Überhänge weggeworfen oder verbrannt. Ich hoffe sehr, dass hier bald eine Veränderung stattfindet.

Wenn wir Kleidungsstücke bekommen erfolgt zunächst eine Kontrolle. Wir prüfen sehr genau, ob und welche Teile verwendet werden können. Die Stücke werden dann gereinigt. Danach werden alle Knöpfe entfernt. Bei gutem Zustand werden sie aufgehoben und wiederverwendet. Anschließend werden die Hemden in Einzelteile geschnitten. Es bleibt ein Rückenteil, zwei Vorderteile, zwei Ärmel und die Passe. Nach bestimmten Kriterien, beispielsweise die Größe der Stoffstücke, wird dann vorsortiert und im Regal gelagert. Eine Damenbluse besteht meist aus drei bis vier Hemden. Die Zusammensetzung erfolgt dann in vielen einzelnen Schritten. Zunächst muss Farbe, Material und die Größe der „Stoffstücke“ passen. Das ist oft die größte Herausforderung.

Anfangs habe ich so lange getestet bis endlich eine Kombination funktionierte, das war extrem aufwendig. Daraufhin habe ich ein System für den Zuschnitt entwickelt. Eine verlässliche, selbsterklärende Struktur. Das einzige, durch die Größe der Stoffstücke vorgegeben, ist die fertige Konfektionsgröße. Wenn die Stoffe ausgewählt sind, werden noch Knöpfe, Paspeln, etc. dazu kombiniert. Durch diesen kreativen Prozess entstehen die exklusiven Unikate. Dann wird eine „Rolle“ mit den Materialien und entsprechenden Kennzeichnungen fertiggestellt. Wenn einige Kombinationen erstellt sind, bekommt meine Schneiderin oder die Werkstätte den Auftrag zur Produktion. Jede Bluse wird einzeln zugeschnitten und in liebevoller Handarbeit genäht. Danach kommen Sie zurück ins Atelier. Manchmal liefern die Werkstätten auch Teilproduktionen und wir kümmern uns um die Fertigstellung. Am Ende der langen Produktionskette erfolgt natürlich eine Qualitätskontrolle.

Unsere Textilreste werden für Giveaways, wie Lavendelsäckchen und Accessoires für Kinder weiterverarbeitet oder der DRK gespendet. Ebenso Kleidung, die nicht zur Verarbeitung geeignet ist. Damit fördern wir indirekt soziale Projekte. Außerdem haben wir noch Kooperationen mit Kleiderkammern in Berlin und Brandenburg. Eine Zusammenarbeit, die in beide Richtungen sehr gut funktioniert.

Foto: www.der-gottwald.de 

Du nutzt gerne auch alte Kleidungsstücke, zu denen deine Kunden eine emotionale Verbindung haben. Was machen diese so besonders?

Ja, wir nähen Erinnerungen ein. Oftmals stehen Hinterbliebene von verstorbenen Familienangehörigen vor vollen Kleiderschränken. Die Kleidung eines geliebten Menschen in den Müll zu werfen erzeugt verständlicherweise ein sehr unwohles Gefühl. Deshalb bieten wir an, diese Stücke neu zu gestalten, um die Erinnerungen zu erhalten. Aber auch andere emotionale Erinnerungen können weitergetragen werden. Vom Vater, Opa Ehemann oder Freund. Das geliebte Hochzeitshemd oder das Hemd welches bei einer wichtigen Entscheidung getragen wurde und, und, und. Kleidungsstücke sind Geschichtenerzähler. Wir erhalten diese Stücke und gestalten daraus neues.

In welchem Zustand müssen die Kleidungsstücke sein, damit sie für das Upcycling infrage kommen?

Das Material sollte, am Beispiel von Hemden, außer an Kragen oder Manschette, keine Spuren von Abnutzung oder Peeling aufweisen. Flecken oder Risse sind jedoch kein Hindernis. Wir verarbeiten aber nur hochwertige Grundmaterialien, wie Baumwolle, Seide, Leinen, Schurwolle, Wolle, Kaschmir oder Mischungen. Doch Baumwolle ist nicht gleich Baumwolle. Da gibt es große Unterschiede. Deshalb prüfen wir das Material vor der Weiterverarbeitung genau.

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Du spezialisierst dich besonders auf Unikate für Frauen und Kinder. Was machen Männerhemden so ideal als Basis für deine Modelle?

Zum einen liegt darin natürlich die Ursprungsidee. Zum anderen habe ich beim Ausprobieren immer wieder festgestellt, dass der Schnitt und die Größe der Herrenbekleidung, speziell Herrenhemden, ideal ist. Ein Herrenhemd hat maximal eine Vordertasche und zwei Abnäher. Dadurch habe ich sehr viel Glattes, bearbeitbares Material. Ebenso gut eignen sich Anzughosen. Modelle hierfür sind schon in Planung. Aber auch Seidentücher werden wir zukünftig einarbeiten.

Foto: www.der-gottwald.de 

Arbeitest du mittlerweile mit einem Team oder noch als One-Woman-Show?

Seit knapp über einem Jahr beschäftige ich eine gelernte Damenschneiderin als Minijobberin. Zusätzlich arbeite ich mit zwei Behindertenwerkstätten in Berlin. Das Team möchte ich aber gerne zeitnah ausbauen. Zum einen, weil ich die Kollektion erweitern möchte, zum anderen sind die Aufgaben sehr vielschichtig. Alleine ist es schwierig alles zu bewältigen.

Du gehst in deinem Business auch einem nachhaltigen Gedanken nach. Wie lässt du das einfließen und woher bekommst du deine Materialien?

Der nachhaltige Gedanke ist grundsätzlich im Prozess der Materialbeschaffung verankert. Dadurch vermeiden wir Textilmüll. Für die Produktion beziehe ich meine „Rohstoffe“ aus unterschiedlichen Quellen. Kleidungsstücke aus Privathaushalten, Handel oder Industrie. Hochwertige Stoffe aus Überproduktionen. Auch die verwendeten Bänder sind Restposten aus dem Großhandel. Extravagante Knöpfe kaufe ich auch aus Auflösungen von Schneidereien. Verbrauchsmaterialien, wie Fäden, Reißverschlüsse etc. beziehe ich von deutschen Unternehmen. Nachhaltigkeit bezieht sich aber auch auf das Design. Die Modelle sind elegant, sportlich und vor allem stilvoll. Sie sollen Modetrends überstehen. Für ein produktives, nachhaltiges Unternehmen ist mir auch eine langfristige Zusammenarbeit mit Mitarbeitern, Werkstätten, Partnern und Kooperationen wichtig. Dadurch entsteht ein „wir“ Gefühl.

Wie und wo findet man euch und eure Kleidungsstücke?

Unser Atelier und Büro findet man in Hennigsdorf am nördlichen Stadtrand von Berlin. Kunden und Interessenten können uns gerne nach Terminvereinbarung besuchen. Unsere Produkte sind über unseren eigenen Onlineshop oder auf Etsy zu bestellen und natürlich auch im Atelier erhältlich. Im Herbst schließen wir uns wieder einer organisierten „Roadshow“ an. Dass bedeutet, dass wir mit weiteren Designern in verschiedenen Städten in Deutschland, in einer Art Boutique unsere Kollektion präsentieren. Modeliebhaber(innen) können jenseits vom Mainstream in einer sehr angenehmen und persönlichen Atmosphäre shoppen. Das entspricht ganz unserer Philosophie. Aktuell sind wir auch in Gesprächen mit kleinen inhabergeführten Boutiquen. Wir wissen wie wichtig es ist, das Gesamtkonzept auch zu erklären. Ebenso wichtig ist es, unsere Unikate einmal zu tragen und zu fühlen. Den Wert und die Exklusivität der Kleidungsstücke wissen viele oftmals erst dann zu schätzen.

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