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Jennifer Althoff, Gründerin von Evope Nutrition | „Wir wuchsen langsam aber organisch, jedoch zu langsam für unseren Geldgeber, und so rutschten wir knapp an der Insolvenz vorbei.“

Jennifer Althoff, Gründerin von Evope Nutrition | „Wir wuchsen langsam aber organisch, jedoch zu langsam für unseren Geldgeber, und so rutschten wir knapp an der Insolvenz vorbei.“

Jennifer Althoff, die Gründerin von Evope, wurde vor kurzem gefragt, ob sie mit dem Wissen und den Erfahrungen von heute trotzdem gegründet hätte. Diese Frage bringt sie immer zum Schmunzeln. Sie sagt, sie hätte schon gegründet, aber komplett anders. Über die Jahre hatte sie schmerzlich lernen müssen, welche Konsequenzen es nach sich zieht, wenn man sich auf die Aussagen anderer mehr verlässt, als auf die eigene Intuition und wie herausfordernd der Kampf im Haifischbecken sein kann, wenn die Konkurrenz auf einen Aufmerksam wird. Im Interview gibt sie uns tolle Einblicke, was damals los war, wie sie ihre Firmen heute leitet und welchen Stellenwert sie ihrer unternehmerischen Freiheit heute einräumt.

Was war für euch der Ausschlaggebende Grund zur Gründung?

Mit dem ersten Unternehmen wollten wir unseren Traum verwirklichen. Wir wollten eine Sportstätte bauen, in der Breitensportler mit den gleichen Techniken trainiert werden, wie Leistungssportler. Wir wollten allen Interessierten Zugang zu dieser besonderen Betreuung ermöglichen. Durch die Gründung konnten wir uns somit selbstverwirklichen. Wir ließen all jene Inhalte mit einfließen, die uns selbst als Sportler in den vergangenen Jahren gefehlt hatten. Da wir wussten, wie viel Zeit wir im Performance Center verbringen werden, haben wir in der Umsetzung auch auf die kleinen Details geachtet. Damit wir und unser Kunde sich wie zuhause fühlen können.

Das zweite Unternehmen EVOPE NUTRITION gründeten wir aus einem Bedürfnis der Kunden. Wir hörten genau hin – was wünschte sich der Kunde. So war EVOPE NUTRITION das fehlende Puzzlestück für mehr Gesundheit und Performance.

Wann war euch bewusst, dass es Zeit für eine Expandierung war?

Das war 2016, ein Jahr nach der Eröffnung des Sports Performance Centers. Der Großteil unserer Kunden geht sehr bewusst mit der eigenen Gesundheit um. Nach dem Training gab es einen Proteinshake, bei Grippewellen achten sie auf genügend Vitamin D und bei Müdigkeit wird das Immunsystem durch die richtigen Mineralien und Vitamine gestärkt. Doch zwei Sätze fielen uns immer wieder auf: „Ich weiß ja gar nicht, was da wirklich drin ist.“ Und „Ich vertrag das Produkt nicht so gut – aber es gibt da ja nichts anderes was ich nehmen kann“. Wir merkten, wie groß das Bedürfnis des Kunden ist. Wie groß der Wunsch war auf gesunde, saubere und gut verträgliche Nahrungsergänzungsmittel zurückgreifen zu können. Das war unser Eintritt in die Branche – wir entwickeln seither alle Produkte selbst – und hören ganz genau hin: Was wünscht sich der Kunde.

Habt ihr positive und negative Momente, die euch über die Zeit geprägt haben? Wenn ja, nenne uns bitte ein paar Beispiele.

Ja, da waren in den letzten Jahren wahnsinnig viele positive als auch negative Momente. An beide erinnere ich mich immer gerne – denn beide haben mir geholfen zu wachsen und zu verstehen. Wir hatten in der Betreuung der Breitensportler viele wunderbare Momente. Kunden, die seit Jahren schlechte Blutwerte hatten oder sich durch Verletzungen nicht schmerzfrei bewegen konnten. Durch das richtige und abgestimmte Training, verschiedene Faszienbehandlungen und Veränderung der Ernährung konnten wir ihnen helfen.

Ich erinnere mich an einen ganz besonderen Fall. Ein junger Mann, knapp 30, kam zu uns und fragte nach einem Probetraining. Als er vor uns stand wackelte sein Kopf hin und her, sein Körper zitterte. Auch die Wörter brachte er nicht ohne Stottern raus. Er klärte uns auf – vor 4 Jahren wurde bei ihm eine Autoimmunerkrankung festgestellt. Bei dieser Erkrankung baut der Körper sukzessive Hirnmasse ab. Eine degenerative Erkrankung die ihn – je nach Krankheitsverlauf – das Leben kosten wird. Wir wollten – genauso wie er selbst – diesen Umstand nicht akzeptieren. Und so starteten wir mit neuronalem Training. 4 Monate voller Höhen und Tiefen vergingen. Und dann passierte es – an den Stellen an denen der Körper Nervenbahnen abbaute, bildeten sich Neue. Er konnte sich flüssiger bewegen, besser sprechen und sogar auf einem Bein stehen. Die Ärzte der Charité waren ganz ungläubig von den Ergebnissen – durch seine seltene Erkrankung ist er in ständiger Überwachung. Seither bekommt er von uns nur noch „Hausaufgaben“ und muss auf die richtigen Nährstoffe achten. Seit Anfang 2020 arbeitet er wieder in seinem Beruf als technischer Zeichner – etwas, was vor zwei Jahren schier unmöglich war.

Ein negativer Moment, der mich hat vorsichtig werden lassen, fand 2018 statt. Zu diesem Zeitpunkt war unsere Nahrungsergänzungsfirma im starken Wachstum und wir entwickelten uns zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten der großen Firmen. Und wie macht man kleine Firmen mundtot? In dem man ihnen die Möglichkeit des weiteren Wachstums nimmt. So stand mit einem Male das Lebensmittelamt bei uns. Der Grund: Anzeige aufgrund verunreinigter Produkte unserer Nahrungsergänzungsmittel. Sie zeigten uns Fotos, auf denen unsere Produkte zu sehen waren, mit Plastikstückchen versetzt. Somit wurden Stichproben der gleichen Chargennummern mitgenommen und ein langer Prüfungsprozess begann. In dieser Zeit durften wir weder neue Ware bestellen, noch konnten wir aufgrund der Kosten neue Produkte entwickeln. Wir befanden uns im erzwungenen Stillstand. Nach drei Monaten Prüfdauer fiel das Urteil: es wurden keine Verunreinigungen gefunden. Somit konnten wir den Betrieb wieder aufnehmen. In diesen drei Monaten preschte der Markt an uns vorbei. Wir beantragten Akteneinsicht und konnten somit sehen von wem die Anzeigen kamen. Es war ein Konkurrent. Dessen Mitarbeiter hatten unsere Produkte bestellt und alle innerhalb einer Woche Anzeige gegen uns gestellt. Auf den Aktenfotos konnte man erkennen, dass in allen Produkten die gleichen Plastikteilchen enthalten waren. Jedoch ausnahmslos in den Bestellungen der Angestellten. Das hat mir vor Augen geführt, in welchem Haifischbergen ich schwimmen lernte. Ein Grund mehr, noch aufmerksamer zu sein.

Ihr hattet auch anfangs kein Budget für Marketing. Wie habt ihr das gelöst?

Wir haben den kostenlosen und in meinen Augen wichtigsten Weg gewählt – das Word of Mouth. Wir trainierten Athleten und Vereine kostenlos, gaben kostenfreie Ernährungsberatungen, boten freie Trainingsspots in den Parks von Berlin an. Bei unseren Nahrungsergänzungsmitteln machten wir es ähnlich: Wir ließen die Kunden, Athleten, Fitnessstudios, Apotheken und Trainer die Produkte kostenlos testen, denn ich war mir grundsätzlich bei einer Sache sicher: Unsere Angebote und unsere Produkte funktionieren. Mein Gegenüber muss nur die Chance bekommen, sich selbst zu überzeugen. Aber ich wusste auch – der Erstkontakt ist der Schwierigste. So füllten wir alle Produkte in kleine Probepäckchen. Ab diesem Zeitpunkt hatte ich anfangs unsere Produkte überall mit dabei: beim Einkaufen, im Schwimmbad, im Restaurant, beim Training, im Urlaub. Ich fühlte mich manchmal wie Pablo Escobar, wenn ich die Tütchen mit dem Daily Recovery müden Mamis oder gestressten Unternehmern über den Tisch schob.  Und hier gibt mir mein Bauchgefühl recht. Bei EVOPE NUTRITION haben wir eine Wiederkäuferrate von 78%. Das ist für die Branche ein richtiger Ritterschlag.

Schauen wir einmal auf Umsatzprognosen für kommenden Jahre. Für 2020 erwartet ihr euren ersten siebenstelligen Umsatz. Wie plant ihr das und welche Hebel setzt ihr Bewegung um diese Ziele zu erreichen? Ist das ausschließlich eine Sache des Marketings?

Wir lagen mit beiden Firmen in den ersten drei Monaten super in der Planung. Und dann kam Corona und die Schließung des Senats. Wenn ich jetzt an diese Zeit zurückdenke, kommt es mir immer noch unreal vor. Wir befanden uns für knapp 24 Stunden in der kompletten Schockstarre, denn noch im Januar hatten wir eine riesen Summe für den Start der Bauarbeiten unseres neuen Performance Centers investiert. Das Ergebnis – nicht nur das Studio war dicht, auch der Bau stoppte, da sämtliche Bauunternehmen ihre Angestellten nach Hause schickten. Die Baumiete, sowie die Miete des alten Standorts lief weiter.

Wir versuchten alle laufenden Kosten auf ein Minimum zu senken. Es brachen uns knapp 20% der Mitgliedereinnahmen weg. Wir dürfen dankbar sein – der Großteil unserer Mitglieder zahlte weiter seine Beiträge um das Überleben der Firma zu sichern. Hierfür sind wir mehr als dankbar. Nur 48 Stunden nach der Schließung boten wir die ersten Online Classes an, filmten Trainingsvideos ab, die wir den Kunden für ihre Home Workouts zur Verfügung stellten und stellten alle Angebote wie Personaltrainings und Ernährungsberatungen auf Online um.

Parallel launchten wir die Betaversion der Evope Academy – einer Online E-Learning Plattform für Sportler, um unsere Kunden soweit es ging gut aus der Ferne zu betreuen.

Umsatztechnisch müssen wir gerne viel aufholen. Doch menschlich sind wir in den letzten Monaten absolut gewachsen. Wir haben gemerkt, was für eine loyale und starke Community wir in den letzten Jahren aufgebaut haben und dass es mehr als eine Pandemie braucht, um das Schiff zum kentern zu bringen.

Wielange entwickelt ihr im Durchschnitt ein Produkt bis es Marktreif ist?

Von der Idee bis hin zum fertigen Produkt in deinem Wohnzimmer dauert es bis zu 1,5 Jahre. Am längsten dauern die Testläufe. Wir testen alle Produkte erst an uns selbst. Im zweiten Schritt – und immer in Absprache mit unseren Laboranten, gehen die Tests mit unseren Athleten weiter. Damit die Wirksamkeit eines Produkts für uns auch dauerhaft aussagekräftig ist, braucht es in den Testläufen eine Mindesteinnahme von 30-60 Tagen, auch wenn die subjektive Empfindung meist nach 2-3 Tagen Einnahme eintritt. Die Testläufe der einzelnen Produkte überlappen sich, damit wir auch Langzeitdaten zur Wirksamkeit erhalten. Dies gibt uns die Möglichkeit immer wieder Feinheiten in den Rezepturen zu verändern und die Produkte ständig zu optimieren. Eine Flexibilität, die große Unternehmen meist nicht haben.  

Credit: Evope

Wir haben gelesen, dass auch deine Schwangerschaft Grund für eine Produktentwicklung war. Erzähle uns bitte, was du vermisst hast und wie ihr das Problem gelöst habt.

Mir ging es wie den meisten Schwangeren – Müdigkeit und Übelkeit führten zu einem wirklich verschobenen Alltag. Morgens konnte ich nicht essen, unterwegs war ich mit dem Angebot super unzufrieden und meist war dann der Zeitdruck jedoch so groß, dass ich dann doch auf irgendwelche To-Go Lösungen zurückgriff, die aber meinen Nährstoffbedarf nicht wirklich deckten. Daher mischte ich mir irgendwann eine Mixtur aus Haferflocken, Leinsamen, Kokosflocken, Erbsenprotein, getrockneter Ananas und Papaya, sowie einem Haufen anderer Mikronährstoffe zusammen und ließ alles durch den Mixer laufen. Die Pulvermischung nahm ich ab dem Zeitpunkt immer mit und wusste, wenn der schnelle Hunger kam, ich hatte meine „gesunde Alternative“ immer mit dabei.

An diesem Mealreplacement arbeiten wir jetzt seit 2018. Leider ist es in Deutschland wahnsinnig schwierig die Zulassung „für Schwangere und stillende Mütter geeignet“ zu bekommen. Hier möchte – was absolut verständlich ist – niemand bei den Prüfstellen ein Risiko eingehen. Daher ist diese Zertifizierung fast ausschließlich medizinischen Produkten statt Nahrungsergänzung oder Lebensmitteln vorbehalten. Aber ich gebe den Kampf nicht auf. Unser Mealreplacement kommt im August 2020 auf den Markt. Vorerst ist es allgemein für Jedermann und Jederfrau deklariert.  

Wielange habt ihr euer Unternehmen zu zweit geführt, bis ihr euch Personal ins Boot geholt habt?

Im ersten Geschäftsjahr machten wir alles alleine. Wir gaben morgens die Kurse und Mittags Personaltrainings gegeben. Am Nachmittag kümmerten wir um uns um Büro und Buchhaltung, am Abend waren wir wieder im Kursgeschehen und im Anschluss haben wir das Center geputzt. Da wir 7 Tage die Woche geöffnet haben, hieß das auch für uns 7 Tage arbeiten. Den ersten Angestellten holten wir 2016 ins Team. Kurz darauf folgten 3 Freiberufler. Diese Unterstützung gab uns die Möglichkeit wieder mehr in der Vogelperspektive auf das Unternehmen zu schauen und mehr am als im Unternehmen zu arbeiten.

Wir haben auch gelesen, dass ihr nicht so schöne Erfahrungen mit Geldgebern gemacht habt. Was war da los?

Wir haben uns anfangs über privates Geld finanziert. Unser Ansatz stieß nicht auf taube Ohren und wir beschlossen mit einem Investor zusammen zu arbeiten. Wir waren von seiner Expertise im Gründen von Unternehmen wie verzaubert. Seine Ansätze waren ganz nach Rocket Manier: schnell groß werden und maximal skalieren. Er selbst kam jedoch aus einer ganz anderen Branche – so merkten wir recht schnell, dass die Welt der Nahrungsergänzungsmittel anders aussieht, als beispielsweise im Retail. Der Kunde lässt sich Zeit, möchte die Produkte sorgfältig testen. Er hat Fragen und möchte die Wirkstoffe verstehen.

Die Zeit verging – wir wuchsen langsam aber organisch – und mit einer tollen Wiederkaufsrate. Jedoch zu langsam für unseren Geldgeber. Und so blieben – nach einer gemeinsamen Großbestellung von Ware – das erste Mal die versprochenen Gelder aus. Diese Situation häufte sich und wir rutschten knapp an der Insolvenz vorbei. Seit Anfang 2020 sind beide Firmen nun wieder zu 100% in unseren Händen. Eine wirklich schmerzhafte und intensive Erfahrung – aber jetzt ist alles sauber getrennt und wir können ganz nach dem gehen was uns wichtig ist: die Wünsche der Kunden.

Wie behaltet ihr in solch herausfordernden Momenten eure Euphorie?

Indem wir uns immer wieder vor Augen halten, welche tolle Freiheiten wir uns durch unsere Tätigkeiten in den letzten Jahren erschaffen haben. Wir dürfen das tun, was wir lieben. Und das gibt uns in den dunkelsten Momenten oft wieder Auftrieb. Und wenn alles nichts hilft – dann haben wir uns als Familie und blenden die Firmen und das gesamte EVOPE Orbit einfach mal aus. In den Momenten erde ich mich am meisten.  

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