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Annemarie Harant und Bettina Steinbrugger, Gründerinnen von erdbeerwoche | “Der gesamte Gründungs- und Wachstumsprozess an sich ist eine einzige Überraschung – und das eigentlich jeden Tag aufs Neue.”

Annemarie Harant und Bettina Steinbrugger, Gründerinnen von erdbeerwoche | “Der gesamte Gründungs- und Wachstumsprozess an sich ist eine einzige Überraschung – und das eigentlich jeden Tag aufs Neue.”

Annemarie Harant und Bettina Steinbrugger arbeiteten 2011, vor der Gründung von erdbeerwoche, bereits schon viele Jahren in der Nachhaltigkeitsbranche. Sie berieten und vernetzten Unternehmen, damit diese nachhaltiger werden und hatten somit auch schon mit den unterschiedlichsten Unternehmen aus diversen Branchen und mit einer dementsprechend großen nachhaltigen Produktvielfalt zu tun. Nur ein Bereich war dabei völlig ausgeklammert…

Eigentlich mehr zufällig stießen die beiden auf die Meldung eines Biotampon-Herstellers, der über die Problematik konventioneller Tampons und Binden aufklärte. Dass diese Meldung das Leben von Annemarie und Bettina verändern und die beiden zu Unternehmerinnen machen sollte, hätten sie zum damaligen Zeitpunkt noch nicht gedacht. Als intensive Recherchen ergaben, dass es vom Bio-Apfel bis zum Bio-T-Shirt schon in fast jedem Bereich eine nachhaltige Alternative gibt, außer im Bereich der Menstruation, war den beiden schnell klar: Irgendjemand muss diese Nische füllen – die erdbeerwoche war geboren. Ganz nebenbei wollen sie auch eines der letzten Tabus unserer Zeit brechen: die weibliche Regel.

Ich mag euren Namen „Erdbeerwoche“, welcher mich sehr an meine Jugend erinnert und wie wir Mädels mit einem zwinkernden Auge mit dem Thema Menstruation umgegangen sind – wobei trotzdem keiner so wirklich das Kind beim Namen nennen wollte. Was war für euch der Anlass diesen Namen zu wählen?

Oft werden wir gefragt: Geht es da um Erdbeeren? Nein. Bei der erdbeerwoche geht es um das Thema Menstruation. Und weil man ein Unternehmen nicht „Menstruation“ oder „blutende Vagina“ nennen kann, haben wir uns für einen Begriff entschieden, der diesem Tabuthema eine positive Konnotation verleiht und gleichzeitig ironisierend auf die zahllosen Begriffe anspielt, die erfunden wurden, um das Eindeutige zu verschleiern – vom Besuch der Tante Rosa bis hin zum roten Ferrari. Wir nennen Begriffe, die mit der Menstruation zusammenhängen, egal ob Vagina oder Scheidenpilz, beim Namen, aber dennoch: Der Name „erdbeerwoche“ ist ein Türöffner, den 90% unserer GesprächspartnerInnen nicht mehr vergessen.

Welche Reaktion nehmt ihr bei Kooperationspartnern wahr, wenn ihr das Kind in Gesprächen beim Namen nennt?

Unsere Erfahrung zeigt: Wer offen mit Tabuthemen umgeht, bekommt auch positives Feedback zurück. Das haben wir bei unserer Jugendarbeit mit unserer digitalen Lernplattform READY FOR RED genauso gemerkt wie in Gesprächen mit „alten weißen“ Männern. Dabei kam uns stets unser Ansatz, mit Fakten und Humor aufzuklären, zu Gute. So können wirklich die meisten Menschen etwas mit dem Thema anfangen und viele sind auch regelrecht dankbar, dass sie in uns endlich einen Sparring Partner gefunden haben, mit dem sie auch über solch „heikle“ Themen sprechen können.

Kommen wir zum Konzept: Was ist neben der Aufklärung euer Kerngeschäft, womit verdient ihr euer Geld?

Unser Geschäftsmodell gliedert sich in drei Bereiche: Einerseits unsere Aufklärungsplattform erdbeerwoche.com, die auch unser Herzensprojekt READY FOR RED beinhaltet: eine digitale Lernplattform, die Jugendlichen alles Wissenswerte über das Thema Menstruation auf altersgerechte Weise vermittelt. Hier kooperieren wir mit öffentlichen Stellen sowie mit Unternehmen, welche uns diese Aufklärungsarbeit ermöglichen. Beispielsweise findet frau in jeder Packung der Bio-Monatshygienemarke Organyc einen Gratis-Zugang zu READY FOR RED, mit welchem sie gleichzeitig unsere Aufklärung an Schulen ermöglicht.

Unser zweites Standbein ist der erdbeerwoche-Onlineshop, in welchem frau alles findet, was das nachhaltige Periodenherz begehrt: Von Biotampons über Menstruationstassen bis hin zu unserem eigens produzierten Fair-Trade-Periodenslip.

Unser drittes Standbein ist schließlich unsere politische Arbeit: Wir setzen uns seit Jahren für die Senkung der Tamponsteuer ein (in Deutschland bereits mit Erfolg!) oder etwa für mehr Transparenz, was die Inhaltsstoffe bei Monatshygieneartikeln betrifft.

Ihr habt euch auch bewusst gegen die Zusammenarbeit mit Investoren entschieden. Woher kam diese Entscheidung?

Es gab eine Zeit, da waren wir sehr intensiv mit InvestorInnen im Gespräch, pitchten auf Events und räumten auch den ein oder anderen Startup-Preis ab. Natürlich ist die Finanzierung bei einem Startup ein permanentes Thema und so haben wir uns auch den Investment-Bereich näher angesehen. Uns war allerdings von Anfang an wichtig, dass wir gerade in diesem Bereich keine Kompromisse eingehen, was bedeutet, dass wir nur dann einem Investment zustimmen, wenn wir zu 100% das Gefühl haben, dass die Chemie stimmt und der/die InvestorIn unsere Vision mitträgt und nicht rein auf Profitmaximierung aus ist. Schließlich sind wir ein Social Business und wollen unserer Mission treu bleiben. Leider sind wir bis heute diesem/dieser „WunschinvestorIn“ nicht begegnet und haben dann auch recht schnell alternative Wege gefunden, um unser Wachstum zu finanzieren: Über Preisgelder, Förderungen und nicht zuletzt unser eigener Cashflow, den frau stets im Blick behalten sollte. Heute sind wir froh, 100 Prozent-Eigentümerinnen unseres Unternehmens und zudem schuldenfrei zu sein, was uns definitiv besser schlafen lässt.

War der ganze Prozess „Gründen“ letztendlich das, was ihr euch vorgestellt habt oder gab es sehr viele Überraschungen – positiv wie negativ? Habt ihr vielleicht ein paar Beispiele für uns?

Der gesamte Gründungs- und Wachstumsprozess an sich ist eine einzige Überraschung – und das eigentlich jeden Tag aufs Neue. Im negativen Sinne sind wir immer wieder überrascht oder eigentlich entsetzt, wie unglaublich bürokratisch viele Prozesse in Österreich (und ich vermute auch in Deutschland) sind und wie viele Steine einem als JungunternehmerIn in den Weg gelegt werden. Im positiven Sinne haben wir uns selbst immer wieder überrascht: indem wir über uns hinausgewachsen sind und gemeinsam Situationen gemeistert haben, von denen wir zwischenzeitlich geglaubt haben, sie seien unüberwindbar. Deshalb war es rückblickend auch so wichtig für uns im Team zu gründen. Der/die richtige GeschäftspartnerIn kann – in guten wie in schlechten Zeiten – eine unglaublich wichtige Stütze sein. Das ist im Grunde nicht viel anders als in einer Paarbeziehung.

Credit: erdbeerwoche

Wann wurde euch bewusst, dass euer Konzept greift und das wirklich gut werden würde?

2015 war das Jahr, als wir entschieden, uns zur Gänze der erdbeerwoche zu widmen. Davor hatten wir beide auch noch andere Jobs, um eine finanzielle Absicherung zu haben. 2015 war uns dann klar: entweder alles oder nichts! Ausschlaggebend war dann auch ein Pitching Event, bei welchem wir die erdbeerwoche erstmals einem größeren Publikum vorstellen – ohne zu wissen, wie die Reaktionen ausfallen würden. Als dann nach unserem Pitch die rund 2.000 anwesenden Gäste in tosenden Applaus ausbrachen und wir den Wettbewerb schließlich auch gewannen, war uns klar: Jetzt ist unsere Zeit gekommen!

Gibt es irgendwas, das ihr heute mit eurem Erfahrungsschatz anders (besser) machen würdet?

Wir würden uns etwas mehr Zeit für die „Vorgründungsphase“ nehmen und schon frühzeitig für Förderungen einreichen. Ansonsten sind wir über jede Erfahrung, die wir gemacht haben – ob positiv oder negativ – dankbar und haben wahnsinnig viel daraus gelernt, sodass wir rückblickend eigentlich kaum etwas anders machen würden.

Nun habt ihr schon einiges geleistet und erreicht. Wo gibt es noch Verbesserungsbedarf?

Verbesserungsbedarf gibt es natürlich immer und überall. Wir halten es ein bisschen wie Madonna: Man muss sich ständig selbst neu erfinden, um erfolgreich zu bleiben. Stillstand bedeutet meist den Untergang. Deshalb versuchen wir uns – persönlich wie beruflich – immer weiter zu entwickeln, hinterfragen eingeschlagene Wege kritisch und sind auch bereit, diese zu verlassen, wenn nötig. Permanenten Verbesserungsbedarf gibt es sicher auch in der Work-Life-Balance: Immer genügend Zeit und Energie für Familie und Freunde zu haben ist etwas, das uns nicht immer gelingt, aber woran wir intensiv arbeiten. Und es wird immer mit der Zeit immer besser.

www.erdbeerwoche.com
@erdbeerwoche_

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