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Christine Aufderhaar, Filmkomponistin | “Für meine Familie war meine Entscheidung, Musikerin zu werden, ein Desaster.”

Christine Aufderhaar, Filmkomponistin | “Für meine Familie war meine Entscheidung, Musikerin zu werden, ein Desaster.”

Filmkomponistin ist nicht gerade einer der typischen Berufe, und wenn man sich die Branche anschaut, auch sicherlich nicht eine, die von sehr vielen Frauen besetzt ist. Christine Aufderhaar hat sich diese Berufung zu Herzen genommen und ist heute selbstständige Filmkomponistin. Im Interview verrät sie uns, wie sich mit ihrem Traumberuf in ihrem Elternhaus durchgesetzt hat und wie sie sich heute ihren Lebensunterhalt allein mit Filmmusik verdient.

War das schon immer ein Beruf, der auf deiner Wunschliste stand?

Ja. Ich hatte schon immer Musik im Kopf und habe früh komponiert, lebte in einer Phantasiewelt. Eine Flucht aus der Realität.

Als uns unser Musiklehrer dann eine Szene aus ‚Spiel mir das Lied vom Tod’ zeigte, war ich vom Zusammenspiel von Musik und Bild so fasziniert, dass ich auch Filmmusik schreiben wollte. Natürlich nahm das niemand ernst, ich war gerade mal 13 Jahre alt.

Wie stand deine Familie zu dieser Entscheidung?

Für meine Familie war meine Entscheidung, Musikerin zu werden, ein Desaster.

Ich stamme aus einer wissenschaftlich orientierten Familie, meine beiden älteren Schwestern sind Ärztinnen und meine Eltern hätten sich einen sicheren Beruf für mich gewünscht.

Als sie nach meinem Abitur einsahen, dass ich wirklich Musik studieren wollte, unterstützten sie mich finanziell voll. Doch die Verletzungen aus der Kindheit saßen tief, ein selbstzerstörerischer Kampf hatte begonnen. Zwar hatte ich die Verbote, zu Hause nicht Klavier und in Bands oder Musicals zu spielen, überwunden, aber ich habe erst spät gemerkt, wie schwierig es war, anders als meine Familie zu sein und keiner der Vorstellungen von einem geregelten Leben zu entsprechen. Ich durfte in der Kirche unseres Dorfes Klavier üben und fand einen Lehrer, der mir anfangs umsonst Klavier Unterricht gab und mein Mentor wurde. Ich traf immer wieder Menschen, die mich unterstützt und ermutigt haben.  

Neue Wege zu gehen braucht Mut, mein Selbstwertgefühl war nicht mehr vorhanden, ich war hin- und hergerissen zwischen dem inneren Wissen, dass Musik zu meiner Seele gehört und der irrsinnigen Idee, dass Musik nichts wert sei.

Jetzt, sehr viele Jahre später, bin ich überzeugt, dass alles in unserem Leben einen Sinn hat. Es braucht Geduld, ihn zu erkennen. Mich haben die Hindernisse in meiner Kindheit zur Meditation geführt. Zu einem neuen Bewusstsein, zu Freiheit und innerem Frieden.

Wie würdest du deine Ausbildung zur Filmkomponistin beschreiben? Gibt es dafür einen traditionellen Studiengang?

Ich selbst habe erst klassisches Klavier und dann am Berklee College in Boston die beiden Studiengänge Komposition für Konzert Musik und Komposition für Filmmusik studiert. Danach habe ich ein halbes Jahr mit Alf Clausen, dem Komponisten von Simpsons in Los Angeles gearbeitet.

In Deutschland gibt es inzwischen an mehreren Hochschulen den Master Studiengang Filmmusik. Ein Filmmusik Studium ist aber nicht Voraussetzung, um später in dem Beruf arbeiten zu können, einen klassischen Werdegang gibt es nicht.

Sollte man ein Instrument beherrschen um diesen Beruf auszuüben, oder reicht es, ein Gespür für Musik zu haben?

Theoretisch reicht ein Gespür für Musik und filmische Dramaturgie, sofern das Programmieren mit Samples und die Umsetzung musikalischer Ideen möglich ist.

Ein solides Handwerk ist aber ein großer Vorteil, um sich frei auszudrücken.

Welche persönliche Eigenschaft, vielleicht gerade auf emotionaler Ebene, ist wesentlich, um tolle Stücke kreieren zu können?

Empathie ist wichtig. Und die Fähigkeit, Emotionen oder Atmosphären in Musik zu übersetzen. Es geht nicht nur darum, ein tolles Musikstück zu schreiben. Die Dramaturgie des Filmes ist genauso wichtig und je nachdem, welche Ebene die Filmmusik gerade einnimmt, geht es auch oft darum, auszudrücken, was sich hinter einer Szene abspielt. Also nicht zu wiederholen, was durch den Dialog oder das Bild schon sichtbar ist, sondern eine selbständige Ebene zu kreieren. Und dabei mit der Form der Szene zu verschmelzen.

Wie verdienst du heute deinen Lebensunterhalt? Wir gehen mal davon aus, dass du nicht täglich neue Musikstücke an Filmproduktionen verkaufst…

Seit ich mich nach meiner Stelle an der Filmuniversität 2007 selbständig gemacht habe, habe ich meinen Lebensunterhalt ausschließlich durch Filmmusik verdient. Das war durch die Tantiemen der Gema und die regelmäßigen Projekte möglich.

Wie pitchst du deine Projekte? Wie kommst du an Aufträge?

Ich habe das Glück, dass sich Regisseure oder Produzenten direkt bei mir melden. Entweder durch Empfehlungen oder durch die Musik auf meiner Homepage.

Ich habe zwar mehrere Verleger und einen Agenten, aber die kümmern sich vor allem um die Verträge.

Ist Filmkomposition ein hartes Pflaster, wenn man allein davon leben möchte?

Hmm… Jeder Beruf hat seine Herausforderungen. Ein regelmäßiges Einkommen mag eine Sicherheit darstellen. Ich habe mich dagegen entschieden und bin glücklich, meine Zeit mit Komponieren verbringen zu dürfen. Bei mir hat sich das Finanzielle von selbst geregelt. Inzwischen schreibe ich auch mehr Konzert Musik. Aber meinen Lebensunterhalt verdiene ich mit Filmmusik.

Du bist auch schon mit einigen Awards ausgezeichnet worden. Welchen Preis siehst du als größte Bestätigung deiner harten Arbeit?

Ich habe mich über jeden Award gleichermaßen gefreut. Am höchsten dotiert waren die Kulturpreise aus der Schweiz. Vielleicht ist es der Richard Levy Award aus USA, ich habe ihn für meine Konzertmusik bekommen.

Was würdest du Newcomern raten, die in künstlerische Bereiche, wie Musik oder Kunst, einsteigen wollen?

Sei kritisch aber nicht destruktiv zu dir selbst. Sehe die Herausforderungen des Lebens als Lehrmeister und nicht als Hindernis. Vertraue und folge deinem Herzen.

www.aufderhaar.com

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