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Constanze Klotz und Hanna Charlotte Erhorn, Gründerinen von Bridge&Tunnel | „Von einem Wachstum nur um des Wachstums willens halten wir nichts.“

Constanze Klotz und Hanna Charlotte Erhorn, Gründerinen von Bridge&Tunnel | „Von einem Wachstum nur um des Wachstums willens halten wir nichts.“

Constanze und Hanna Charlotte (Lotte) hatten beide vor Bridge & Tunnel schon einige Leben. Lotte ist studierte Textildesignerin und war viele Jahre als selbständige Interior Stylistin für verschiedene Printmagazine, sowie als „Profibastlerin“ (ja diesen Job gibt es wirklich) für große Unternehmen tätig. Constanze hat Kulturwissenschaften studiert und darin promoviert und viele Jahre als Projektmanagerin in der Stadtplanung an der Schnittstelle zu Kreativprojekten gearbeitet. Die Werkstatt der beiden – der Co-Working Space Stoffdeck – war eines der letzten Projekte, das Constanze in ihrem alten Job entwickelt hat. Eine echte Fügung, wie sie heute sagt, denn der Space hat nicht nur Lotte und Constanze zusammengebracht (sie haben ihn zwei Jahre gemeinsam geleitet), sondern schließlich auch ihr Label Bridge&Tunnel entstehen lassen.

Wie kam es zu dem Namen Bridge&Tunnel und für was steht dieses Konzept?

Der Name Bridge&Tunnel bezieht sich zum einen auf die Insellage unseres Produktionsortes Wilhelmsburg, den man in Hamburg tatsächlich nur über Brücken oder den Elbtunnel erreicht. Zum anderen hat er auch eine metaphorische Bedeutung, denn wir möchten für unsere Mitarbeiter*innen nichts Geringeres als Brücken in den ersten Arbeitsmarkt bauen.

Unser Label wäre ohne Wilhelmsburg nie entstanden. Denn an diesem Ort liegen Chancen und Probleme wahnsinnig eng beieinander. Einerseits sind auf der Insel überproportional viele Langzeitarbeitslose zuhause, gleichzeitig ist es ein sehr junger, internationaler Stadtteil, reich an Kulturen und Lebensentwürfen. Für uns definitiv ein Ort, der mehr Chancen als Probleme bereithält. Bevor wir das Label gegründet haben, hatte ich schon einige Jahre in Wilhelmsburg gearbeitet und Lotte war mit ihrer Familie gerade auf die Insel gezogen. Dadurch waren wir beide sehr für Themen wie Langzeitarbeitslosigkeit, Interkulturalität oder die Frage, wie verschiedene Kulturen miteinander zusammenleben, sensibilisiert. Denn diese Themen sind Große auf der Insel. Für uns war es dann nur folgerichtig, dass ein Label, das an diesem Ort entsteht, unweigerlich soziale Themen aufgreift.

Die eigentliche Idee kam dann im wahrsten Sinne des Wortes zu uns. Wir hatten 2015 von einem deutsch-türkischem Nähclub gehört, der sich einmal wöchentlich in einer Moschee zum Nähen traf. Wir haben die Frauen dann spontan eingeladen, ihren Nähtreff in unserem Co-Working Space zu machen. Als wir den Näherinnen bei ihrer Arbeit zusahen, kamen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus. Fast alle anwesenden Frauen waren handwerklich wahnsinnig begabt. Gleichzeitig wurde uns klar, dass nur die wenigsten von ihnen eine Ausbildung zur Schneiderin oder Näherin absolviert hatten, sondern vielmehr seit vielen Jahren arbeitslos waren. Uns wurde bewusst, was es überhaupt für ein großes Glück ist, Arbeit zu haben. Und wie privilegiert es ist zu sagen, Arbeit nervt.

Nach diesem Erweckungsmoment wollten wir zeigen, welche Talente Menschen losgelöst von Zeugnissen mitbringen. Und haben unser Social Fashion Label Bridge&Tunnel gegründet. Der Fokus auf Upcycling war eher zufällig, da wir wussten welche Menge an Used Jeans bei Kleiderkammern auflaufen. Neben der sozialen Nachhaltigkeit war dies für uns eine tolle Möglichkeit, auch ökologisch nachhaltig aufzutreten.

Credit: Bridge&Tunnel

Hattet ihr bei eurer Gründung unternehmerische Erfahrung in jeglicher Form oder wo habt ihr gelernt wie Unternehmern zu denken und zu handeln?

Lotte hatte bis zu unserer Gründung ja ausschließlich selbständig gearbeitet und hat wahnsinnig viele hilfreiche Insights mitgebracht. Als klar war, dass wir ein Label, noch dazu ein Social Business, gründen wollen, haben wir uns für ein Stipendium bei Social Impact beworben und es auch bekommen. Acht Monate lang hatten wir hier eine wahnsinnig tolle Unterstützung zu unternehmerischen Fragestellungen. Wie Unternehmerinnen zu denken und zu handeln, hat sich aber auch mit der Zeit immer mehr verfestigt und auch verändert. Es ist schon ein besonderes Unterfangen, ein Unternehmen zu führen, dass zwar wirtschaftlich handelt, damit aber ausschließlich gesellschaftlich wirken will. Da haben wir in dem letzten Jahr sehr viel gelernt und tun das immer noch.

Auf die Zusammenstellung eures Teams habt ihr ebenfalls ein spezielles Augenmerk gelegt. Erzählt uns bitte mehr dazu.

In unserem Team arbeiten zwölf Menschen aus sechs verschiedenen Ländern, die allesamt verschiedene gesellschaftliche Handicaps haben, warum sie auf dem ersten Arbeitsmarkt keinen Job finden konnten. Dazu gehören fehlende Qualifikationen, eine Fluchtgeschichte, eine lange Arbeitslosigkeit, Achtung, ein zu hohes Alter oder physische Handicaps wie Gehörlosigkeit. Alle verbindet das enorme handwerkliche Geschick jenseits von Zeugnissen und Diploma. Und die Erkenntnis: Wer arbeitet, lernt Menschen kennen. Und wer arbeitet, fühlt sich gebraucht.

In den letzten Jahren haben wir gelernt, dass es ein unfassbares Privileg unserer Generation – uns eingenommen – ist, über Work-Life-Balance zu klagen. Denn wer keine Arbeit hat, hat nicht nur keine Arbeit, sondern so viel mehr nicht. Arbeit schafft Anerkennung, für unsere Näherinnen und Näher selbst, aber auch innerhalb ihrer Familien. Wenn Menschen lange Jahre keine Arbeit haben, finden sie in unserer Gesellschaft kaum noch statt, oft wird eine gewaltige Stigmatisierungsspirale in Gang gesetzt. Über die Anerkennung des eigenen Tuns fangen viele Mitarbeiterinnen wieder an, sich um sich selbst zu kümmern. Und geben das Gefühl der Wertschätzung an ihr Umfeld weiter.

Wir haben auch gelesen, dass ihr euch auch über die Anstellung eures Teams hinaus für sie einsetzt. Welche Unterstützungen bietet ihr?

Oh, die ist vielfältig – so wie unsere Mitarbeiter*innen auch. Wir leisten Hilfe bei Behördengängen, klären Rechtsfragen oder suchen auch schonmal eine Wohnung. Für handwerkliche Fragen haben wir professionelle Anleiterinnen mit an Bord. Die Qualifizierung und die spätere Beschäftigung der Frauen und Männer stemmen wir in enger Kooperation mit dem zuständigen Jobcenter. Und organisieren Sprachcoachings für die sprachliche Weiterentwicklung.

Jede Näherin, die bei euch arbeitet hat schon in irgendeiner Form Erfahrung mit Design und Umsetzung von Mode gehabt. Wieviel Freiheit lasst ihr eurem Team im Design eurer Produkte?

Alle Designentwürfe stammen von Lotte. Unsere Teammitglieder sind keine Designer*innen, sondern diejenigen, die mit viel handwerklichem Geschick die Designs umsetzen und, bis auf eine Mitarbeiterin, auch gar kein Interesse am Thema Design haben.

Credit: Bridge&Tunnel

Welches Konzept stand zuerst: Die Idee aus Denim-Waste neue Kleidung zu kreieren oder benachteiligten Menschen in irgendeiner Form unter die Arme zu greifen?

Der Wunsch ein nachhaltiges Label zu schaffen – und der, Menschen einen Job zu geben, kamen wie ein Urknall zusammen. Wir finden es gerade spannend, diese beiden Welten, die sonst eher weniger Berührungspunkte haben, miteinander zu “vernähen”.

Gegeben, dass ihr in einem Team arbeitet, das voller kultureller Unterschiede geprägt ist, stellt sich das auch manchmal als Herausforderung dar?

Ja und nein. Ich glaube es gibt doch kein Team auf dieser Welt, das nicht immer mal wieder Herausforderungen begegnet. Wir empfinden kulturelle Unterscheide nicht als Differenz, sondern als Bereicherung. Und da fängt das Umdenken schon an. 

Wie stellt ihr euch eine ideale Expandierung eures Labels vor? Mehr Schneiderinnen? Mehr Standorte? Mehr Social Business?

Wir wünschen uns sehr, dass wir beweisen können, dass es sich lohnt, gesellschaftlich zu wirtschaften. Wenn uns das gelingt, wären wir mehr als happy. Die Frage des Wachstums ist dabei eine spannende. Denn eine Skalierung kommt für uns nur infrage, wenn es dem Unternehmen dienlich ist und etwa dazu führt, dass wir noch mehr gesellschaftlich benachteiligte Menschen in Arbeit bringen können. Von einem Wachstum nur um des Wachstums willens halten wir nichts.

www.bridgeandtunnel.de
@bridgeandtunnel.de

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