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Charlotte Specht, Mitgründerin von Book A Street Artist | „Nur „gut“ zu sein, reicht bei Weitem nicht aus.“

Charlotte Specht, Mitgründerin von Book A Street Artist | „Nur „gut“ zu sein, reicht bei Weitem nicht aus.“

Die ersten Grundsteine für Book a Street Artist hat Charlotte Specht bereits während ihres Master-Studiums an der NOVA Business School in Lissabon gelegt. Dort hat sie auch ihren Mitgründer Mario Rueda aus Kolumbien kennengelernt. Nachdem die beiden sich monatelang mit vielen spannenden und talentierten Straßenmusikern, -performern und Graffitisprayern unterhalten und ausgetauscht hatten, hatten sie zunächst den Versuch gestartet, Street Art in Lissabon zu legalisieren. Die Illegalität und Geringschätzung ihrer Arbeit lag den Künstlern am meisten am Herzen.

Obwohl Charlotte und Mario einige Erfolge erzielen konnten, wie z. B. die Abschaffung einer völlig irrsinnig hohen Anmeldegebühr für einen Spot auf der Straße, hatten die beiden nicht das Gefühl, mit ihrer Arbeit große Veränderungen herbeiführen zu können.

So kam auch der Gedanke, einen anderen wichtigen Pain Point der Künstler anzugehen: Wie können sich Künstler (noch) besser präsentieren, promoten, Kunden akquirieren, Zugang zum B2B Markt bekommen und Aufträge abwickeln? „Der entscheidende Faktor hier ist, dass es aus Kundensicht nicht nur unglaublich schwierig ist einen passenden Künstler für die eigene Marke oder Kampagne zu finden, auch in die Kommunikation und Umsetzung des Projektes kommt dem Kunden unsere Expertise zugute.“ Match-Maker zwischen Künstler und Kunde zu werden, war also ein idealer Weg Lösungen für beide Seiten dieses Marktes zu bieten. Seither ist das B2B-Geschäft mit Marken zum Kerngeschäft von Book A Street Artist geworden.

Liebe Charlotte, was hast du vor deiner Selbstständigkeit mit Book A Street Artist gemacht?

Ich habe die ersten Ideen, auf denen Book a Street Artist teilweise aufbaut, bereits während des Studiums in Lissabon gehabt und ausprobiert. Deswegen habe ich vor der Gründung nie wirklich einen Job im konventionellen Sinn angetreten. Vor meinem Studium in Lissabon war ich ein halbes Jahr im Norden und Nordosten Brasiliens unterwegs. Danach habe ich einige Wochen in Berlin verbracht und dort einen gemeinnützigen Verein für Integration, Bildung und kulturellen Austausch für Kinder und Jugendliche gegründet.

Ihr vertretet ja handverlesende Künstler. Wie findet ihr die, wonach sucht ihr die aus und was sind die Kriterien um in eurem Portfolio aufgenommen zu werden?

Das ist richtig. Für unsere Kunden ist es wichtig, dass sie verlässliche Künstler buchen. Wir haben in den ganzen Jahren, die wir mit Künstlern arbeiten, viele Erfahrungen gesammelt und festgestellt: Nur „gut“ zu sein, reicht bei Weitem nicht aus. Auch wenn du die geilsten Murals malst oder eine Wahnsinns Bühnenpräsenz hast, heißt das nicht, dass man mit dir arbeiten kann. Wir brauchen Künstler, die ihre Emails beantworten, proaktiv und flexibel sind, professionell auftreten und den Kunden so respektieren, wie sie selbst respektiert werden möchten.

Für die Aufnahme in unser Portfolio ist das Talent oder die Qualität des Künstlers also quasi nur die Basis. Dann schauen wir uns Kriterien an wie z. B. Kundenorientierung, Klarheit in der Kommunikation, Antwortverhalten etc. – wir haben ein Punktesystem, das am Ende das „Level of Sophistication“ ermittelt. Dies ist ein erster Indikator zur Einordnung des Künstlers.

Dazu muss ich auch ganz klar sagen: Wir haben Respekt für alle Künstler und jeder hat seine Daseinsberechtigung. Wir sagen auch nicht „deine Kunst ist gut / schlecht“. Wir schauen viel mehr, ob die Voraussetzungen da sind, erfolgreich mit (B2B)-Kunden zu arbeiten.

Credit: Matthew Coleman

Man sagt Kunst jeglicher Art und Weise ja stets hinterher, dass es anfangs sehr schwierig ist, damit Geld zu verdienen. Wo denkst du liegen die Herausforderungen eurer Künstler und was macht ihr anders um deren Präsenz zu fördern?

Es kommt darauf an, von welchem Standpunkt aus man sich diese Branche anschaut. Ganz aktuell – aufgrund der Corona-Krise – hat unsere Kulturstaatsministerin Monika Grütters ganz nebenbei bestätigt: „Mit einer Bruttowertschöpfung von mehr als 100 Milliarden Euro ist die Kultur- und Kreativwirtschaft einer der größten Wirtschaftszweige – noch vor chemischer Industrie, Energieversorgern und Finanzdienstleistern.“ Wir wissen das schon lange und finden es sehr spannend, in diesem Bereich zu agieren.

Schaut man sich natürlich den individuellen Künstler ganz am Anfang seiner „Karriere“ an, dann gibt es dort – vergleichbar mit einem Start-up – natürlich viele Fragezeichen, fehlende Expertise in bestimmten Bereichen, oft nicht ausreichend Startkapital und ohnehin viel Unsicherheit und Risiko.

 „Geld mit Kunst zu verdienen“ muss allerdings auch erst einmal voraussetzen, dass der Künstler überhaupt diese Zielsetzung hat. Es gibt durchaus eine Menge an Künstlern, für die Geld einen sehr geringen Stellenwert und damit auch das Geldverdienen entsprechend wenig Priorität hat.

Wir arbeiten mit Künstlern, die von ihrer Kunst leben möchten und sich bewusst sind, was dies bedeutet. Sie stellen sich nicht mehr die Frage „ob“ sie kommerziell arbeiten sollten, sondern „wie“ sie es am Besten machen – ohne ihre Integrität und ihre Vision aufzugeben. Dies ist genau die Schnittstelle, an der wir zwischen Kunde und Künstler die Brücke bauen und helfen, eine Schnittmenge zwischen Kreativität und Kommerz zu identifizieren.

Auf der Künstlerseite stellen wir sicher, dass sie die unternehmerischen Herausforderungen meistern können bzw. versuchen, ihnen hier so viel wie möglich abzunehmen und zu erleichtern. Es macht schon einen großen Unterschied, ob du dich allein durchkämpfst oder Teil einer Community wie unserer bist!

Welche Komponente des Unternehmerdaseins hast du dir anfangs einfacher vorgestellt?

Ehrlich gesagt habe ich mir vorher überhaupt keine Gedanken darüber gemacht, weil ich mich nie bewusst dazu entschieden habe, zu gründen oder Unternehmer zu werden. Das Ganze ist ganz organisch und automatisch gewachsen und trotz aller möglichen Schwierigkeiten, gab es immer wieder einen neuen Meilenstein, der uns motiviert hat, weiterzumachen.

Aber um der Frage nicht auszuweichen: Das Führen und Motivieren von Mitarbeitern fällt mir noch heute viel schwerer als ich gedacht hätte. Ich habe sehr viel Power und Durchhaltevermögen, halte eigentlich kaum an, nehme kleinere Erfolge zwar wahr, feiere sie aber selbst grundsätzlich nicht großartig. Dabei ist es eine Herausforderung, empathisch zu sein und darauf zu achten, dass alle mitkommen und mitziehen.

Credit: Matthew Coleman

Und welche schwieriger?

Ich hätte am Anfang nicht gedacht, dass wir in kürzester Zeit mit großen Marken und Konzernen arbeiten. Schon beim Pitch für die Aufnahme in den Axel Springer Plug and Play Accelerator 2015 hatten wir Kunden wie L’Oreal, Microsoft oder BP in den Slides. Bis heute haben wir Künstler an hunderte Marken vermittelt, an Instagram, Netflix, BMW, Siemens… und die Liste wächst stetig weiter.

Wer hat dir bisher den besten Business-Ratschlag gegeben?

Ich kann mich ehrlich gesagt an keinen konkreten einzelnen Business-Ratschlag erinnern. Wir haben in all den Jahren viele gute Tipps und Ideen bekommen, aber auch viel gefiltert und aus eigenen Fehlern gelernt.

Einzigartige Einflüsse bekommt man tatsächlich indirekt von Künstlern. Ihre Arbeitsweise, Denkweise, Inspiration, Kreativität, Innovationsgeist fasziniert mich eigentlich täglich. Da versuche ich mir viel abzugucken und in meine eigenen Prozesse und Gedanken einzubauen.

Wenn du heute nicht selbstständig wärest, wärst du …

… wahrscheinlich auf einer abenteuerlichen Reise. Oder würde selbst künstlerisch aktiv werden. Aber auch in diesen beiden Fällen muss man selbstständig für Einkommen sorgen. In jedem Fall würde ich mein eigenes Ding machen. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, für den Traum eines anderen zu arbeiten.

www.bookastreetartist.com/
@bookastreetartist
@charlotte.spx

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